Briefe von Johannes L. Penner (1889-1942), an seinen Cousin Johannes Joh. Dyck (1885-1948), in Kanada

Diese Briefe wurden von Johannes L. Penner (02.12.1889-15.02.1942), #1196380 an seinen Cousin Johannes Joh. Dyck (1885-1948), #168774 nach Kanada geschickt. Transkription aus dem handschriftlichen Original von Willi Frese, Willi Risto und Tamara Born. Die meisten Fußnoten sind ebenfalls von Willi Frese, Willi Risto [WR] Einige Fußnoten von mir. <AW>

Folgender Brief (Pokrowsk 29.02.1928) wurde von Tamara Born vom handschriftlichen Original abgeschrieben.

Покровск <Pokrowsk> 29/ll-28

[1]
Lieber Iwan Iwanowitsch
Werde dir jedenfalls heute nicht sehr umständlich
schreiben können da mir die Zeit sehr knapp ist,
bin hier auf der Allgemeinen Versammlung der С.П.С.
und heute endgültig von der Arbeit in demselben zurück
-
getreten (im Совет bin ich geblieben) wollte eigentlich auch hier nicht mehr, mußte es aber dabei lassen um nicht Aufsehen zu erregen, wenn die Arbeit hier so weiter geht
 wird jedenfalls der Verein ganz austreten, hatte schon
einige Zeit vorher gesagt, daß ich in der Verwaltung nicht
mehr bleiben will – es kam auch garnicht darauf an,
man hätte mich auch nicht wählen lassen, wir alten sind
alle drei weg. Kух in Nr. sicher, wie ich dir schon früher
mitteilte. Бархатов dient in Saratow als губерн. Агроном.
In der Verwaltung sind jetzt Куценко, Routh und noch ein deutscher Bauer (коллективист). Meiner Ansicht nach geht der С.П.С, wenn es er nicht künstlich erhalten wird, bei dieser Arbeitseinstellung seinem Ende entgegen.
Will, da dich dieses vielleicht nicht sonderlich interessieren wird,
zu der für dich brennenden Frage übergehen – kann dir
lieber Freund leider, so schwer es mir fällt, nichts tröstliches berichten, habe deine Briefe vom 22 und 23/l erhalten,
auch Lenchen’s[1] Brief habe ich gelesen, aber von Clara[2]
nichts, habe also noch einmal gelesen, was ich schon genau wußte, wie es bei dir bestellt ist und was dich quält

[2]
und ich möchte dir noch einmal vergewissern, daß die Sache
mir nahe zu Herzen geht und ich in dieser Beziehung
die Hände nicht in den Schoß gelegt habe, aber es ist
alles wie vernagelt, hatte gestern wieder eine lange
Unterredung mit Rechling, alle Möglichkeiten in Vorschlag gebracht. Er wiederholte nur immer, daß es ihnen verboten ist
auch nur einen Rbl. Abzuschicken. Was die Vertretung in
Chicago anbelangt, so ist dieselbe liquidiert. Der Vorsitzende
der Bank Kölbler ist dort hingefahren, um das letzte aufzuräumen. Er meint, du solltest dort hinfahren, vielleicht ließe sich
etwas machen. Ich bat zu telegraphieren, er solle dort an
dich auszahlen und ich werde es hier eintragen. Er meinte, es
ließe sich nicht machen, da wohl fast kein Geld mehr dort sei
und überhaupt ginge es nicht. Die Gründe zu nennen ist überflüssig (es ist furchtbar strenge) will in dieser Angelegenheit morgen
noch einmal zu ihm gehen, die Lage in der Госбанк hat
sich auch geändert, man läßt nur, wenn dieses dokumentarisch bewiesen werden kann, für Hilfsbedürftige Verwandte
10-20 Rbl. überwiesen. Von J.T[3]. nicht eine Kope[jke?] erhalten.
Ich versteh es auch nicht mehr Ault ist aufgeregt, sagt,
kann nichts machen, nächste Woche will ich ihn wieder besuchen. Wenn irgend Aussicht,
fahre ich nach Dawlekanowo. C. weiss jetzt genau wie es dort steht Brieflich kann er mich schlecht verständigen, von J.T. habe ich immer noch keinen Brief
erhalten. Es würde vielleicht mehr gewirkt haben, wenn

[3]
ich gefahren wäre. Dacht[e], es müsse sich so machen (da C. dort war) scheute
Auslagen [wollte keine Kosten verursachen, W.R.] und konnte auch beim besten Willen nicht eher ab.
Mit den “Nachrichten“ ist es so weit, dass sie dir
vom
1 März an zugeschickt werden.
1/III. Über unser Kommen möchte ich dir wohl viel schreiben, geht
Zeithalber nicht -Liquidationsmöglichkeiten sind für jetzt
ausgeschlossen, man würde kaum so viel haben, um anständig
hinüber zu kommen. Die Frage ist furchtbar schwer für mich – Lenchen
[4]
würde gerne gehen, Kinder auch, doch scheint es mir für die erste
Zeit ausgeschlossen. Wie lange ist ein Einreiseerlaubnis gültig?
Wenn dieses längere Zeit der Fall ist dann schicke
mir bitte solche, oder ist eine formelle Eingabe nötig? Für alle
Fälle schicke so bald es geht, die von dir angeführte Meinung
darüber teile ich vollständig. Noch drücken mich die Verhältnisse
nicht so, daß ich darüber meine arme kranke Mutter[5] verlassen
könnte, habe dir darüber geschrieben – wie denkst du?
Es soll zum Frühjahr Land geteilt werden – Projekt: 6 Hektar
auf die Seele. Wenn dieses durchgeht, wird der Kreis circa
4000 Desj. los, ein starker Hebel, sich hier loszumachen.
Ohne Einreiseerlaubnis werden keine Eingaben auf Pässe
angenommen – Funk soll um solche an J. Nickel geschrieben
haben, Thiessen sagte, A.[lexander] Quiring[6] wolle auch um solche schreiben.
Wenn du für mich schickst, dann bitte auch für alle Fälle für
Schw. Mutter[7].
Mit Schitnjakabsendung[8] hat Bergmann versucht, werden gar

[4]
keine посылки fürs Ausland angenommen, die Lage
ganz außerordentlich hier.
Zeitler geht nach Moskau als член правл. Центрального Семеноводчества. Diese Wahl ist ihm, glaube ich sehr zu statten gekommen, hier war seine Karriere doch aus, schade um ihn – sein Stellvertreter ist noch unbekannt. Habe eine
10 Minute eine Besprechung mit ihm, werde ihn an deinen Vorschlag erinnern, er bat unlängst dir einen Gruß zu senden.
Die finanzielle Lage des Vereins ist die denkbar schwierigste,
wollte durchaus nicht in die Verwaltung, aber dann sagte sich A. Froese auch los u. wenn wir beide wegfielen, wollte Thiessen auch nicht u es wäre alles vor der
Zeit in den Dreck gefallen.
Wie denkst du dir meine Lage, wenn ich mit meiner
Familie ohne Mittel hinkomme? Welche Aussichten habe
ich? Schreibe bitte schnell!!
Pässe, denke ich, sollte es in Einzelfällen, je nachdem wem,
geben, aber für viele, glaube ich, ist ausgeschlossen.
Grüße deine liebe Familie und alle Trakter, auch Franz Cornel.,
wenn du ihn triffst. Verzeih mein schlechtes unzusammenhängendes
Schreiben, geht in großer Eile.
In alter Liebe u. Freundschaft dein J Penner.
Wenn möglich, schreibe mir doch bitte über deine Finanzlage
etwas genauer.
Bei passender Gelegenheit werde ich mit Jakob Bergmann sprechen und wenn nötig ihm behilflich sein.
Сильва u Заслуга beide gefohlt, beide Stüttchen… von Заслуга braune ohne Abzeichen ………mit einem…schielen blos und sonst schöne Fohlen.
Noch einmall in d. Bank bei Rechling vorgesprochen alles vergebens es ist kein Geld dort. Hat es auch keinen Sinn dort hin fahren.
Von Lenchen geht gleichzeitig ein Brief ab.

[1] Wahrscheinlich Helene (Lora) Dyck (13.11.1916-20.08.2003) ), GRANDMA #168984, Tochter des Briefempfängers
[2] Wahrscheinlich Clara  Dyck (16.05.1918 – 11.05.2018) ), GRANDMA #701434, Tochter des Briefempfängers
[3] Wahrscheinlich (auch weiter im Text) Johannes Thießen (1884- 18.05.1935), keine GRANDMA, Sohn von Johann Thießen GRANDMA #1184689
[4] Lenchen, Helene (Magdalena), geb. Neufeld (02.12.1889- 06.04.1977) Penner, GRANDMA #1196384 und #1409616 Ehefrau des Briefschreibers
[5] Mutter=Käthe geb. Dyck (20.08.1868-13.06.1943), GRANDMA #132337, Tante des Briefempfängers
[6]Alexander Quiring (15.08.1888-12.06.1942), GRANDMA #665091
[7] Schwiegermutter = Anna Neufeld, geb. Gerh. Fieguth (11.02.1864- 10.02.1943), GRANDMA #19140
[8] Wahrscheinlich handelt es sich um Samen von Schitnjak (житяк), deutsch Weidelgras. Es ist eine wertvolle Futterpflanze. Wenn sie zu Beginn der Ähre geerntet wird, gibt sie gut belaubtes Heu von hoher Qualität. Dieses wurde in der Zeit der NÖP in den Dörfern Am Trakt gezüchtet und die Samen wurden Gewinnbringend an die Bauern in ganzem Russland verkauft. Wahrscheinlich wollte Johannes Dyck in Kanada mit dieser mehrjährigen Futtergetreidesorte Versuche durchführen. AW und Wikipedia

Im Frühling 1930 wurde die Familie Johannes Penner in den Hohen Norden Russlands, in die Gegend von Kotlas verbannt. Vom Trakt wurde dorthin noch eine zweite Familie verbannt. Die Familie von Bruno Bernh. Epp (1894-12.06.1942) und Gerta, geb. Corn. Isaak (10.08.1899-01.03.1988). Gerta Epp hat in ihrem Lebenslauf u. A. die Zeit in der Verbannung beschrieben, wo oft auch die Familie Johannes Penner erwähnt wurde.

Folgender Brief wurde von Tamara Born von dem Handschriftlichem Original abgeschrieben. Fussnoten sind grössten Teils von mir. AW.

den 17 Januar 1932

[1]

Teure Freunde
Da ich in meiner Karte vom 31 Dezember versprochen
habe bald nach Neujahr zu schreiben, so will ich es heute
tun. Ja die liebe Feiertage sind wieder rum und
wir haben sie so einigermaßen ungestört verleben
dürfen, denn zu uns kam niemand nach sehn, wo gegen
in den Baraken als man erst dahinter kam, dass die
deutschen von der Arbeit zuhause geblieben waren am
ersten Feiertag, wurde alles rausgejagt. Wir hatten
Weihnachtsabend uns ein Bäumchen reingeholt.
Viktors Bildchen 8 Lichte (kleine) und etwas Süßigkeiten
war unser Baumschmuck, als mein lieber Johannes
um 7 Uhr abends aus dem Dienst kam, hatten wir
es angezündet, unser Tischchen weiß bedeckt auch
kleine Geschenke für unsere Kinder. Viktor[1] bekam
ein Baukasten aus 12 Klötzchen bestehend Bilder
zusammen zu stellen. Heini hatte ein Fuhrwerk gemacht
er war sehr im Glück. Nun Kinderhand ist bald gefüllt.
Anita[2] bekam ein helles Kattunschürzchen fertig aus
dem Laden gekauft u. ein schw. Satin Kleid nähte ich ihr.
Sie wusste nichts davon, hatt es auf Gerta angepasst
u Heini bekam ein Taschenmesser. Es war uns eine
große Freude sie so zufrieden zu sehen, sie waren
beide überrascht, hatten auf nichts gehofft, nun und
unser Weihnachtsgeschenk war Anitas Genesung, ja
wir haben viel Ursache zu danken. Er hat uns gnädig
geführt, wer hätte gedacht, dass man ein Unterleibtyphus
krankes Kind mit Schrot gesund pflegen konnte als unsere
Lieben es erfuhren d. h. in Astrachan und Arkadak, da
schickten sie uns gleich par Packete, aber da war sie schon

[2]
wieder auf den Beinen, ersteres ist überhaubt noch
nicht da, sowie auch die 2 von F. Janzens u. von Euch
wäre uns sehr, sehr schade, wenn sie nicht ankommen
sollten. Hat unser himml. Vater vergangenes Jahr für
uns gesorgt, warum sollte Er dieses Jahr nicht tun?
Möchten wir Ihm doch so recht vertraun, aber daran
fehlt es uns so oft, man muß das ganz beiseite
lassen an Vorrat denken, wie man es Zuhause
gewöhnt war, u. das fällt oft so schwer, obgleich
wir es schon so oft erfahren haben, dass wenn
die Sorgen aufsteigen, kommt der Herr mit seiner
Hilfe und wir müssen die Augen beschämt
niederschlagen, denn auf diese Zeit ist das Wort
Sorget nicht. Du schreibst liebe Renata, wenn
von allem da ist, ist nicht schwer kochen, da
stimme ich mit ein, bei uns ist es gegenwärtig
etwas zu eintönig die Kinder sind die Gretschicha[3]
Suppe so ein Altes, weil sie beinahe jeden Mittag
kommt, uns drei Nichtarbeiter geben sie auch
zu wenig raus, außer Brot und Zucker nur
30 gr. Grütze das in 3,5 Tagen 1 viertel Pfund auf den Esser
und das ist so leichtes feines Zeug auch noch tüchtig
staubig was man Zuhause auf dem Boden
zusamen gefegt hat wo die Mäuse am Roggen
geschrodet haben. Dank dem, dass Joh. hier und da
gute Bekannte hat, können wir oft auch außer
unsrer Norm Brot kaufen, so das wir doch wenigstens
für jetzt am dem nicht sparen brauchen
Fett oder Fleisch ist auch garnichts zu kaufen, das
Pferde schlachten ist ganz verboten. Habe mit Mühe
etwas Fett (2 kl Flaschen) verdint, jetzt gerade nähe

[3]                                 II
nähe ich ein Kinderpalto[4] wattiert möchte dafür Fett
haben ich weiß das die Frau noch hat, ob sie übrig hat ist
nicht gewiß. Zu Weihnachten hatten wir uns auch
Rübelkuchen gebackt wenn auch nur aus Rog.
Schrot u Wasser, haben aber tüchtig gut geschmeckt
schön Zucker rauf gestreut. Von Kasakstan
erhielten wir gestern Abend einen Brief von
Lieschchen Töws[5] Fresenheim sie schreibt das es Ihnen
schon bedeutend besser geht als am Anfang.
Fleisch und Fett können sie sich kaufen aber teuer
Produkte bekommen sie mehr raus u dann
lauter Weizenschrot, Zucker reichlich
konnten schon backen für ihre Kinder, u dann haben
sie großen Vorzug das sie soviel Mennoniten
dort sind, waren zusamen gekommen
heiligen Abend Jul. Wiens[6] hatte Lieder geübt
Anna Frau Herm. Berg[7]. hatte mit den Kleinen
bibl Geschichten gelernt auch Tütchen bekamen,
sie als ich das las musste ich mich so ausweinen, denn
das müßen wir alles entbehren, keine Versamlung
kein Prediger, u unsre Kinder wie stehn sie so allein
sie sollten doch dieses Jahr unbedingt zum Unterricht
gehen, und sie können nicht mal zuhause
lernen, denn außer Bibel u 2 Testam. haben
wir keine Bücher, haben oft nach hause geschrieben
um Bücher, entweder haben sie die Briefe nicht
bekommen, oder hatte man Angst sie zu schicken über
Post. Solange waren wir doch nun zusammen, da
auf einmal  kam Nachricht das Heini[8] gestern
Morgen in den Wald 8 W<erst>. von hier in den Wald gehen
müßte  Dort Stämme aus dem Walde fahren

[4]
wer weiß wann er mal einen freien Tag bekommt
das er kann nach hause kommen u dann was für eine
Gesellschaft unter Russen u Kol. Herr behüte
seine  Seele das ist mein stündliches Gebet. Anita
haben wir bis jetzt Gott sei Dank immer noch können wir
zuhause halten, sie möchte eigentlich sehr gerne schon
eine Stelle haben und verdienen helfen, es findet sich
bloß nichts passendes den im Walde Bäume
umhacken ist sie doch noch zu jung. Joh ist Зав. (заведующий Т.Б.) <Leiter>  in der столовое[9]. Den 4. Jan. zogen wir in unser
Häuschen ein, ist sehr gemütlich drin eine große und
eine kl. Stube ein Ofen wie zu Hause mit einer
Röhre drin ich alles kochen kann. Ein Bettstell
2 Ruhbänke ein großer Tisch hat Heini gezimmert
zwei Bänkchen ein Kl Tischchen ist unser Hausmöbel
wir sind sehr froh das wir jetzt in einem Haus wohnen
haben doch gleiche Wände, u ist hell, voriges Jahr hatte
ich das Licht nicht so nötig, weil ich nur das bisschen
Handarbeit für uns machte, aber jetzt im Herbst
habe ich soviel schwarzes Zeug vernäht, ich glaube
meine Augen haben doch sehr Not gelitten. Du
meinst liebe Renata die Kleider müßen sehr
einfach gewesen, die ich in so kurzer Zeit fertig haben
musste, das waren sie auch, alles einfache Nähte
denn doppelte Naht oder bestechen so was gibt es hier
nicht, dazu reicht der Zwirn nicht, man brauch sich
wirklich nicht sehr anstrengen um Stück 3 den Tag fertig
zu machen. Den 21. Jan. Liebe Renata mein Brief
hat gelegen, war inzwischen im Russendorf
u habe mal wieder Kartoffeln getauscht, bin froh
das ich das wieder hinter mir habe, denn das geht
zu schlecht, ist aber nichts zu machen. Joh kann nicht
ab, hatte zum ersten Mal  Anita mitgenommen

[5]
Als wir so mit dem Handschlittchen abgiengen, der
Weg ziemlich verstürmt, da sagte sie, o Mama das
sieht ja grad als wollten wir betteln gehen, ich sagte
zu ihr, mein Kind sehen sieht es so, aber Gott sei
Dank das haben wir noch bis jetzt nicht brauchen.
Mit Strümpfen und Handschuhe werden wir uns diesen Winter
noch ja durchschlagen, obgleich ich schon mehrere ender
aufziehen mußte um zu stopfen. Nun für nächstes
Jahr wollen wir noch nicht sorgen, wie ist es bei Euch
liebe Renata? Habt ihr spanische Schafe? Oder kauft
Ihr die Wolle fertig? Heini hat sich jetzt auch gar Filzstiefel
kaufen können, solange haben er u Johannes ein
par zusammen, sowie Anita u ich zusammen ein par
noch gute Lederschuhe tragen, für Viktor bekamen
wir glücklich auch ein par zu 20r, es kommt nach und
nach Ware in den Laden, da fehlt blos immer das
liebe Geld. Manufaktur was man noch zum müßigen
Preiß bekommt u auch nur 4 Meter für Kind
unter 14 Jahren wo man selbst so bitter nötig brauchte
muß man vertauschen für Prod. u noch heimliches
Wese aber anders bekommt man nichts, es ist nicht
erlaubt, oder vielmehr streng verboten Zeug zu
vertauschen, Bruno Epps[10] haben heute ein Paket von
Deutschland erhalten[11] dochwohl das von Joh Isaacks[12] ich
glaube in Nov. wurde das abgeschickt, u in
der Karte von Deutschland war gesagt den an
uns den 8 Dez. 2 Pakete abgeschickt seien demnach
können wir hoffen das unsre auch bald ankommen
werden, unsre Kinder freuen sich schon
sehr auch zu die Bildchen von Nelus? hat Viktor
sich sehr gefreut spielt jeden Tag damit. Epps bekamen
gestern Briefe von Zuhause geht alles drunter u drüber
die Kolektivisten müßen ihr letzte Kuh Schwein u Schaf
abgeben. Der alte Genkin ist in der Weihnachtsnacht gestorben
(wurde 93 Jahre alt) ein trauriges Sterben, er soll gesagt
haben, lasst mich bei meinem Glauben, wir Juden haben

[6]
unsern Jesus getötet für uns giebt es keine Seligkeit,
bestellte auch auf kommunistische Art begraben zu werden, was
dann auch wurde mit Hornmusick und Flinten. Albert schreibt
das noch 2 Prediger am Trackt sind Ohm Töews[13] u C Nickel[14]
öftes bedient auch noch Peter Wall[15] Med.<emtal> unsre Gemeinde.
Aus Turkasten kam gestern ein Brief dort haben sie gehört
das sich das Lager der Ausgesiedelten in Kasackstan auflösen
soll, oder schon ist, sie sind frei, u dürfen hin fahren
wohin sie wollen, wollte Gott es sei so, es sollen schon
welche von dort nach Chiwa gefahren sein, wenn es so
ist, ob es mit der zeit auch für uns eine Erlösung aus
dem Wald geben wird? Neumanns Marichen welche bei Epps
ein Jahr war schreibt dieses das alte Onkel H Epp wohnt jetzt
bei ihnen wurde auch aus seinem Hause vertrieben, ach
wie tun einem blos die alten Leute so schrecklich Leid.
Liebe Renata es ist heute schon 24te und mein
Brief liegt immer noch will ihn jetzt zu Ende schreiben. Joh
kam eben nach Hause u sagt ich soll blos  mal Schluß
machen. Ihr werdet das lesen ein Alter, lang ist
mein Brief blos so inhaltslos nehmet es in Liebe an
mir fällt so eben ein bis deiser Brief hinkommt
ist dein Geburtstag nahe liebe Renata gratuliere
herzlich u wünsche dir Gesundheit Gottes
Segen u Beistand, mögest du das den deinen
noch lange erhalten bleiben, wir möchten
Euch doch so gerne im Leben noch mal wiedersehen.
Was machen eure Kinder alle? Wie geht es dir
Lieschen mit deinem Rücken bitte schreibe doch auch
einmal. Und was machen sie bei Jsaacks Sind
sie alle gesund? Grüsst sie bitte sehr überhaubt alle
Trackter. Von Sch. Mutter gestern eine Karte
erhalten geht ihnen ja so leidlich Artur bekommt 100 r
M. Gehalt eignes Brand u ein ein Häuschen wo sie allein drin
wohnen frei. Bei Epps alles gesund Wilda[16] und Gerta[17]
lassen grüßen. Nun Gott befohlen bis bis wir uns
wiedersehn seid herzlich gegrüßt von Eure stets in
Liebe an Euch denkende Joh u Lenchen und Kinder.

Am Rand geschrieben: Mußten 3 r zuzahlen, ist das anders als wir vergangenes Jahr 20 r u einmal  16 r für Paket.
Am Rand geschrieben:
Deine karte lieber Freund den 31 Dez abends am Jahresschluß erhalten vielen vielen Dank.
Frau P Berg. (Esaus Katja in Kasack) ersten Feiertag gestorben[18].

[1] Viktor Penner (08.08.1926-2009), GRANDMA #1196387, Sohn des Briefschreibers
[2] Anita Penner (10.09.1916 – 2011), GRANDMA #1196386, Tochter des Briefschreibers
[3] Russisch= Buchweizen
[4] Kinderpalto=Kindermantel. WF.
[5] Wahrscheinlich Elise Töws, geb. Gus. Neufeld 21.11.1885-05.07.1969), GRANDMA (#1146254
[6] Julius P. Wiens (02.06.1885- 04.03.1932), GRANDMA #1253850
[7] Anna, geb. Joh. Bergmann (03.11.1906- 07.02.1985), Frau von Hermann Bergmann GRANDMA #1254632
[8] Heinrich Penner (31.01.1915-1944), GRANDMA #1196385, Sohn des Briefschreibers
[9] Russisch= Kantine
[10] Bruno Epp (1894- 12.06.1942), Sohn von Bernhard Epp, GRANDMA #342312
[11] [Am Rande des Briefes] Mußten 3 r zuzahlen, ist das anders als wir vergangenes Jahr 20 r u einmal  16 r für Paket.
[12] John Isaak (17.03.1889- 28.05.1971), GRANDMA #173328
[13] Johannes Töws (1869-1937)Johannes Töws (06.10.1869- 01.09.1937), GRANDMA #1014885
[14] Cornelius Nickel wurde Nach Peter Wiens zum Ältesten gewählt.
[15] Nr 166 in der Liste Medemtal 1921-22. Vater von meiner Tante Maria Unger geb Wall. War vor dem Krieg als Prediger verhaftet. Nach paar Jahre ist mir unbekannt wie viel es waren freielassen. Ist nach Kasachstan ausgesiedelt. Lebte in Петрпавловск, Пресновский район, Железное. Dann in Korkino. T.B.
[16] Wilda Epp (*ca. 1894), Schwester von Bruno Epp
[17] Gerta, geb. Isaak (10.08.1899- 01.03.1988), Ehefrau von Bruno Epp, Tochter Cornelius Isaak GRANDMA #173351. Ihr Lebenslauf
[18] Katharina Bergmann, geb. Ar. Esau (14.10.1902- 25.12.1931), GRANDMA #1240614

6/XII-35

[1]
Mein lieber Ив.[ан] Ив.[анович], Renate und Kinder!
Deinen schönen und ausführlichen Brief teurer
Freund (vom 4/Xl) vorgestern erhalten, er hatte
eine Woche mehr Zeit gebraucht, als gewöhnlich
Danke dir herzlich für die guten Wünsche zum
Geburtstage, hoffentlich geht es im neuen Jahr
noch besser als im alten, denn auf allen
Gebieten und in jeder Beziehung geht es bei
uns von Erfolg zu Erfolg. Gewiß hast du auch
gelesen von der großen Stachanowschen
Bewegung, die daß ganze Land ergriffen.
Стаханов ist ein Arbeiter in den Schachten
Am Don, hat die stehende Arbeitsnormen
vielfach überschritten. In allen Zweigen der
Industrie u. Kollekt. Landwirtschaft finden sich zu
tausenden Nachahmer und so wird die Produktion
verdoppelt u. verdreifacht. Wenn du noch
nicht hast, so rate ich es zu lesen (er schreibt so wegen etwaiger Zensur. J.J.D. X)[1]
Es ist nur schade, dass ich meiner Ungesundheit
halber so abseits stehen muß u. nicht mit
voller Kraft an diesem großartigen Aufbau
teilnehmen kann, kann meiner Krankheit

[2]
halber keine Stelle bekommen, diese sind ja
nicht viel hier, doch wurden im verflossenen
Monate 2 frei, doch man umging mich bei
Besetzung derselben. Es ist mir sehr schade,
dass ich nicht deutschen Unterricht weiterführen
konnte, es ging mir gut und hatte auch in
meiner ältesten Klasse (6) guten Erfolg.
Es waren hier auch außnahms[los] begabte Schüler,
wir konnten nach 3 monatl. Unterricht schon
einen halbstündigen Abend geben, der, trotz dem [obwohl]
die Zuhörer nichts verstanden, großen Erfolg
hatte. Sie deklamierten Göthe- u. Schillersche
Gedichte, dass es eine Lust war. Lenchen[2] u. Wilda
Epp[3] hatten einen deutschen 3 Stimm Chor von beinahe
lauter russ. Schüller, der den russ. Chor weit
übertraf, eine Schülerin z. B. lernte den „Erlkönig“
in 2 Abenden, sie trug ihn deutsch auch in russ.
Übersetzung in solch einer reinen Aussprache
vor, daß man nicht merkte, daß sie eine Russin
sei. Es war wohl auch etwas zu viel getan
u. etwas zu viel Sympathie von Seiten der
Schüler. Doch genug davon, es ist schon beinah
ein Jahr darüber verflossen u. wird Euch wenig

[3]
interessieren, kam noch einmal so darauf, weil
ich mich darauf eingestellt hatte, den deutschen
Unterricht, da man ihm aus bekannten Gründen viel
Interesse entgegenbringt, zu meiner Spezialität
und also auch Erwerb zu machen – nun dieses ist
auch dahin. – Du schreibst in einem deiner
Briefe, dass du gern die alte Schuld an mich
tilgen möchtest und deshalb durch Goessel, Kansas[4]
5 Dollar überweist, vermutlich geht dieses durch
Torgsin[5]. Würde eigentlich, eure bedrängte wirt-
schaftliche Lage in Betracht ziehend, lieber davon
abstehen, da ich aber jetzt krankheitshalber keinen
Verdienst habe, so wäre dieses der einzige Ausweg
für uns, weiß nur nicht, wie du dieses machen
wirst, da vom 15 Dezember ab der Torgsin geschlossen
(liquidiert) wird, versuche es bitte, vielleicht findet
sich ein anderer Ausweg.
Im Allgemeinen leben wir nach alter Weise.
Lenchen ist immer über ihre Kräfte tätig, ist
immer müde und viel Schmerzen auf der Brust.
Anita[6] dient im Kinderheim. Es ist ein Dienst,
der viel Bewegungen verursacht und viel Kraft
verbraucht, aber ganz wenig Einnahme bringt.

[4]
Viktor[7] geht wieder zur Schule, war anfangs November
sehr schwer krank an Blinddarmentzündung. In
diesen Tagen hatte er wieder Unglück, war mit
mir gefahren Heu holen, war wenig Schnee,
der Weg furchtbar schlecht, ich ließ ihn unvorsichtiger
Weise auf dem beladenen Schlitten sitzen, dieser
Stülpte öfter, was ihm großes Vergnügen machte.
Einmal fiel er mit dem Gesicht unglücklich in
Stumpfen und Reisig hinein und riß sich dabei ein
paar tiefe Wunden unter dem rechten Auge ein.
Blutüberströmt zog ich ihn hervor, es war beinahe
nicht zu stillen, er wischte eifrig mit beiden Händen
das rinnende Blut und sagte, „das schadet garnichts,
aber den Papa hatte ich so erschreckt“. Jetzt ist, bis
auf zwei Schrammen im Gesicht, wieder alles in
Ordnung – Es ist ein tapferer sonniger Junge.
Als Euer Brief ankam, war seine erste Frage „ist für
mich kein Bildchen drin?“. Das Bildchen mit Pferden
im vorigen Brief hat ihm viel Freude gemacht, er
meinte: „wenn sie lebend wären, würde ich sie
alle halten zum reiten und fahren. Du Papa würdest
sie gewiss schlachten wollen“
Von Heini[8] haben wir wieder im dritten
haben, da die Soviets [Sowjets] sagen, Unterstützung braucht dort[9]
niemand. J.[J.D.
Bitte diesen Brief zu ———, da er noch auf 1 Stelle geschickt werden soll J.J.D.[10]

[1] diese Bemerkung wird der Empfänger des Briefes, Johannes Johannes Dyck dazugeschrieben haben und gemeint hat er den danach folgenden Absatz, W.R.
[2] Lenchen, Helene (Magdalena), geb. Neufeld (02.12.1889- 06.04.1977) Penner, GRANDMA #1196384 und #1409616 Ehefrau des Briefschreibers
[3] Wilda Epp (*ca. 1894), Tochter von Bernhard Epp (ca.1858-ca. 1925), GRANDMA #342312
[4]https://www.google.com/maps/place/Goessel,+Kansas,+USA/@38.245968,-97.3530422,15z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x87bb6f5191a526a7:0xf4321eae73cbe0f7!8m2!3d38.2463992!4d-97.3489233
[5] Торгсин = Torgsin = staatlich geführte Hartwährungsgeschäfte, die in der UdSSR zwischen 1931 und 1936 betrieben wurden.
[6] Anita Penner (10.09.1916 – 2011), GRANDMA #1196386, Tochter des Briefschreibers
[7] Viktor Penner (08.08.1926-2009), GRANDMA #1196387, Sohn des Briefschreibers
[8] Heinrich Penner (31.01.1915-1944), GRANDMA #1196385, Sohn des Briefschreibers
[9] Bemerkung des Empfänger des Briefes, Johannes Johannes Dyck am Rande des Blattes.
[10] Bemerkung des Empfänger des Briefes, Johannes Johannes Dyck am Rande des Blattes.

Folgender Brief wurde von Tamara Born von dem Handschriftlichem Original abgeschrieben. Fussnoten sind grössten Teils von mir. AW.

24/III-36

[1]
Ihr Lieben Teuren Alle!
Bin auf 2 Tage zu Gast bei den Meinigen
will die freie Zeit benutzen um Euch einige
Zeilen zu schreiben, das ich die Meinigen besuchen
konnte, verdanke ich dem Umstande, dass ich dort
wo ich war (30 Kilom. Entfernt) stellenlos wurde, habe
dort cirka 1 Monat gearbeitet, will morgen wieder
hingehen und versuchen ob ich Verdienst bekomme, bin
schon gar nicht wählerisch, aber es wird doch wohl sehr
schwer halten, es ist einmal in meiner Lage nicht
anders – Es geht von dort eine Schmalspur in den Wald,
auf der Holz heraus gefahren wird, vielleicht bekomme
ich eine Stelle als смазчик[1] oder dergl., habe es eine
Woche mit schwerer physischer Arbeit versucht, doch bleibe
ich dabei liegen. Der Rücken tut es garnicht mehr.
Im Frühjahr wird 50 Kilom. von hier, zwischen uns
und Kotlas mit dem Bau eines großen Werkes begonnen
бумажно-целюлозный комбинат[2] wenn wir bis
dort hin dürfen, hoffe ich dort Verdinst zu finden,
der рабочий городок[3] mit dessen Bau begonnen
wird auf 15.000 Einwohner nur berechnet, im Allgemeinen
verdient man ja hier recht gut, auch von den Unsrigen
z.B. B.<runo> Epp[4] arbeitet als Dreher u. da es auch nicht viel

[2]
solcher Spezialisten hier giebt verdient er sehr gut.
Die Стаханов‘schen[5] Arbeitsmetoden bürgern sich
immer mehr ein u. die Produktion steigt von Tag zu
Tag, dieses schreibt man auch von Trakt, Meta[6] nennt
in ihrem letzten Brief eine ganze Reihe solcher
die sich scheinbar gut ausgezeichnet haben u.
daraufhin schon путевки in Kurorte bekommen, du
wirst dich wundern es sind solche Leutchen die man
dazu nicht für fähig gehalten hätte z. B. Fr. Horn,
Fr. Mathies, Heinr G. Wall[7], Gustav Wall[8], J. P. Wall, Jac. Pfillipsen,
Fr. Walls Joh. 3 Wiensen[9]: Peter, Albert u. Jacob ihr Schwager Koljes
Dycks Hans[10], Jul. Wiens[11] Köpp.<ental>, F. N. Wall u J.Franzen Lind.<enau>
Joh. Dyck jun. Fres.<enheim> sogar der alte Onkel Toews[12] Fres.<enheim>
hat sich noch zu einem Стаханов-Arbeiter emporgeschafft
alle haben je nach dem sie geleistet von 5 bis 10 Wöchentliche
komandirowka[13] in einen Kurort erhalten, wer hätte
das je gedacht das in Russland solche Möglichkeiten
geben würde u einfache Arbeiter solche Auszeichnungen
genießen könnten, es sind noch eine ganze Reihe
Personen dazu ausgesehen die ihre Auszeichnungen ausgangs
März erwarten, Meta schreibt in freudigem schaffen
u Wettbewerb fliegt die Zeit nur so, die Jahre werden
zu Wochen u.s.W. sehr schade das man nicht auch mit

[3]
voller Kraft an diesem schaffen teil nehmen kann
aber das Klima taugt für mich auch hier nichts,
fülle mich total verbraucht u. dieses ist auch
ausschlaggebend bei Anstellung u. Verdienst.
Lenchen hat sich d. 3/III auch eine Anstellung im Kinderheim
angenommen u. plagt sich dort die Ärmste von 7 bis 7.
mit 15 bis 20 kl. Kindern herum, hat bis zum 3/IV fest
gemacht, aber ob sie es aushält? Ist sehr angegriffen
weiß Gott was uns d. Sommer bringen wird.
Anita ist gesund u. dient auch im Kinderheim, Viktor[14]
geht zur Schule, hat in diesem Jahre viel versäumt
war eine Zeit lang krank, dann wurde sein Lehrer krank
so hat er wohl über einen Monat die Schule nicht besucht
dann scheint es mit dem Lehrer nichts zu sein, lernt in
diesem Jahre  sehr wenig, von Heini [15]nach wie vor keine
Nachricht, unsere Befürchtungen, das er nicht mehr lebt
werden sich doch wohl erfüllen einer seiner Collegen
der mit ihm dort hin fuhr, schreibt das er bald zurück kommen
wird, von Heini, der etwas von ihm entfernt, keine Zeile
von den Unsrigen wenig Nachricht, wie M.<eta> mit Mutter
den Kindern durchkommen will weis ich nicht u. sie
auch nicht. H.<erbert>[16] geht es schwer seinen Kindern die in Alt. Samara
sind, ist bei einem Brand alles verbranndt.

[4]
Wie geht es wohl Euren Cusin Hans P. scheinbar
nicht gut, die Ausicht nach Andusenzu kommen
ist scheinbar ganz geschwunden u. damit schwindet ihm
Hoffnung u. Mut. Wie geht es Benj. Dort? Er
war früher ein geschickter Arzt doch ist es wohl mit
seiner Praxis nichts, ist doch wohl auch die depression
u. Arbeitslosigkeit bei Euch schuld daran, wenn du
Nachricht erhalten kanst von ihm, schreibe mir doch darüber
so wie auch von anderen Bekannten.
Wie geht es euch allen in Eurer Familie? Wir warten
immer noch vergebens auf einen Brief von Anna
weßhalb, schreibt Lieschen nicht einmal oder Irma? Ihre
Schulfreundin aus Dawl.<ekanowo> Anni Riesen wird recht aktiv
verdient sich vielleicht etwas damit.
Lenchen wird dieses mal wohl kaum schreiben können
meine arme Lenchen! Der Mut u. Hoffnung ist auch
beinahe dahin! – schreibt bitte bald, wir warten
sehr. Zum Schluße mein lieber teurer Freund
gratuliere ich dir herzl. Zu deinem 51 – tem Geburtstage.
Gottes Segen mit dir u. deiner Familie möge das nächste
Jahr ein glückliches für euch sein – grüßt bitte Isaaks von
uns, wenn sie selbst nicht schreiben, schreibe bitte etwas
näher über sie. Einen herzl Gruß an Renate u. einen
herzl. Gruß an jedes Eurer Kinder einzelnd.
In aller Liebe eurer Johannes.

Erhielt unlängst einen Brief von Як.Ив. Францен, immer noch der alte Як. Ив…………………..

[1] Russisch = Schmierer Arbeiter.
[2] Russisch = Papierwerk
[3] Russisch = Arbeiter Städchen
[4] Bruno Epp (1894- 12.06.1942), Sohn von Bernhard Epp, GRANDMA #342312
[5]Стаханов = Alexei Grigorjewitsch Stachanow hatte in den 1930er Jahren in einer Kohlengrube mehr als das zehnfache seiner Förderungsnorm in einer Schicht geschafft. Und wurde Vorbild für eine Bewegung der Produktivitätssteigerung in der Sowjetunion.
[6] Meta Penner (03.03.1907-24.12.1976), GRANDMA #1196382 Schwester des Briefschreibers
[7] Heinrich des Gerhard Wall (13.101897-1943), GRANDMA #1006967
[8] Gustav Wall (02.09.1892-16.04.1939), Sohn von Johann Wall, GRANDMA #1455362
[9] Brüder (Kuter)Wiens Peter (05.01.1906- 19.09.1968), GRANDMA #132330, Albert (06.10.1909- 09.08.1979), GRANDMA #1254838, Jakob (05.06.1911-1937), GRANDMA #1254536
[10] Hans Dyck (21.05.1909- 06.04.1992), sein Vater Johannes Dyck GRANDMA #861314, wurde wegen seines lokigen Haares Kroliger genannt, um ihn von anderen Johannese Dycks zu unterscheiden. Hans Dyck war mit Helene geb. Wiens verheiratet, Schwester von Peter, Jakob und Albert Wiens.
[11] Julius des Julius Wiens (19.05.1889- 20.01.1939), GRANDMA #1254898
[12] Johannes Töws (06.10.1869- 01.09.1937), GRANDMA #1014885
[13] Russisch= Dienstreise
[14] Viktor Penner (08.08.1926-2009), GRANDMA #1196387, Sohn des Briefschreibers
[15] Heinrich Penner (31.01.1915-1944), GRANDMA #1196385, Sohn des Briefschreibers
[16] Herbert Penner (02.03.1899- 14.09.1937), GRANDMA #1196381 Bruder des Briefschreibers

Dieser Brief wurde von Johannes Penners Ehefrau Lenchen (Magdalena) Penner an die Frau von Johannes J. Dyck Renate Dyck geschrieben. Ich habe ihn vom Handschriftlichem Original abgeschrieben und Kommentare hinzugefügt. AW

d. 25. März 1936

[1]
Meine liebe teure Renate!
Da mein lieber Johannes den Brief abschicken will,
kann ich nicht anders, ich muß par Zeilen beilegen.
Viel wird s schon nicht, bin müde, komme eben
aus dem Dienst, denn das ich seid anfangs
März im Kinderheim arbeite hat Joh. wohl
geschrieben. Da gehe ich morg<ens> um 7 Uhr hin u. Abends
kommen wir muß ich sagen, denn Anita[1] arbeitet
ja auch dort, zwischen 6-7 nach Hause, mittags ist nicht
so viel frei zum Essen gehen, bekommen eine kl Portion
dort mit 50 Gr. Brot, nehmen uns ein kl. Stückchen mit.
Habe 16 kleine Kinderchen zu beaufsichtigen, 2 davon sind Deutsche,
welche gehen schlecht. Nächsten Monat kommen noch die Wiegen
Kinder dazu, deren Mütter auf Arbeit müssen. Es ist nicht
leicht meine liebe Renate so den Tag über auf den Beinen
und den Lärm dazu, es ist viel Geduld dazu erforderlich, aber
der l. Gott hat ja bis jetzt die nötige Kraft dazu gegeben,
um das ich ihn täglich anrufe. Anita hat 25 Kinder
etwas grösser als meine von 4 Jahren. Es ist eben nicht
nur der Dienst, es gibt auch Zuhause noch manches zu tun.
Morg<ens> besorgt Anita die Kuh, d.h. füttern, Wasser holen, melken tue ich
und ich besorge drin koche Frühstück (Suppe), bin oft zu müde

[2]
zum Essen, aber über Tag geht es, die Aufregung hält einen
aufrecht. Zu Mittag stellt sich Mama[2] in die Röhre und
Abendbrot kocht sie auch, Brand und Wasser steht fertig, Wäsche
waschen muss auch morgens und abends, geflickt muss auch
viel werden es ist schwer, aber es geht nicht anders,
es will gelebt sein, und solange ich kann, will ich sehn auch
etwas zu ve<r>dienen. Mama ist noch ziemlich rüstig,
nach 72 Jahren sieht noch ganz gut aus, macht doch wohl, dass sie
so ruhig leben kann. Es ist so still über Tag, nichts stört
sie. Viktor[3] ist in der Schule, bekommt auch Mittag dort
1 Teller Suppe oder Kascha[4] im Wechsel ohne Brot, kostet
1R. 50k den Monat. Erhielten ebend einen Brief von
Tante Franz Dück[5] aus  Славгород. Klärchen[6] hat ja ein
Katolick geheiratet, schon ältlich er ist Lehrer, sie Hebame,
bek 300 R monatl., er wohl mehr, leben gut, sind eben nicht von
unserer Sorte, haben ein Mädel Melita[7] und ein
Sohn hat er aus erster Ehe. Die grösste Sorge ist unser Kind[8],
werden wir ihn noch mal wieder sehn? Wollte Gott ihn
aus Gnaden zu sich nähmen, so will ich mich beugen unter
seinem Willen, es ist so sehr hart, wenn eine um die andere
Woche keine Nachr<icht> kommt. Gratulieren noch herzlich zum Geburtstag[9]
lieber Freund, gäbe Gott Gesundheit und Wohlergehen. Muss schließen,
grüßt bitte Eure l. Kinder. Alle auch Mutter, Anita
und Viktor lassen grüßen. Behüt Euch Gott, betet für uns.
In aller treuen Liebe deine Lenchen.

[am Rande]
den 28. Jan. einen Brief und den 25. Feb. einen an Euch abgeschickt, schreibt bitte ob erhalten.

  1. 2. März eine Anmeldung auf Deinen Gruss erhalten.

[1] Anita Penner (10.09.1916 – 2011), GRANDMA #1196386, Tochter der Briefschreiberin
[2] Mama=Anna Neufeld, geb. Gerh. Fieguth (11.02.1864- 10.02.1943), GRANDMA #19140
[3] Viktor Penner (08.08.1926-2009), GRANDMA #1196387, Sohn der Briefschreiberin
[4] Russisch=Brei
[5] Elise Agatha Dyck, geb. Andres (01.11.1862- 15.04.1940), GRANDMA #749526
[6] Clara Hasenauer, geb. Dyck (*20.12.1898), GRANDMA #861522
[7] Melitta Hasenauer, GRANDMA #861520
[8] Wahrscheinlich geht es um ihren Sohn Heinrich Penner (31.01.1915-1944), GRANDMA #1196385,
[9] Glückwünsche zum Geburtstag an Johannes J. Dyck (*16.04.1885)

28/Xl-36

[1]
Ihr Lieben Alle!
Eure liebe Briefe vom 27/Xl, den 17/Xl- erhalten.
Haben uns wieder einmal sehr freuen dürfen.
Könntet Ihr Lieben es einmal so recht empfinden
welche große Freude uns Eure Briefe bereiten.
Ihr würdet wohl öfter schreiben, ich klage nicht,
dass Ihr zu wenig schreibt, will damit nur sagen,
dass es uns viel Freude machen würde, öfter
von Euch Briefe zu erhalten – scheinbar erhaltet
Ihr unsere Briefe nicht alle, vielleicht ist bei Euch
Die Beförderung nicht ganz in Ordnung, denn hier
glaube ich, gehen die Briefe tadellos.
Bin gerade bei den Meinen auf dem поселок <Siedlung, AW>,
habe auf 12 Tage Urlaub, es ist dieses eigentlich
ein Urlaub wider Willen, aber die Verhältniße
gestalten sich so, daß ich ihn jetzt ausnutzen
muß, würde nämlich den 1. Nov. in den Wald
bestimmt, wehrte mich dagegen so viel in meiner
Macht stand, es ist jetzt, da wir auf zwei Stellen
Wohnen, kaum durchzukommen, wenn aber erst
auf drei, dann weiß ich gar nicht, wie die Enden
zusammen zu bringen. Der Главбух <Buchhalter, AW> war nach Архан-
гельск <Arkchangelsk, AW> gefahren, als er kam und ich nicht in den

[2]
Wald gefahren war, war er wohl unwillig, schlug
mir aber vor, Urlaub zu nehmen, in der Zeit
soll eine andere Stelle frei werden, auf der bis-
herigen durfte ich nicht mehr arbeiten, da hier auf
der Лесобиржа <Holzbörse, AW> die Arbeit im Winter weniger
wird. Diese Лесобиржа am Ufer der Вычегда
gelegen, hat 6 Лесопункты <Stellen, an denen Holz geschlagen wurde, AW> im Walde, (der
letzte 30 Kilometer entfernt) von diesen wird das
Holz auf einer Kleinbahn zur биржа <Börse, AW> gefahren
und hier im Sommer verarbeitet, oder nach Архангельск
geschwemmt zur Verarbeitung ins Ausland – am
vorletzten Tag wurde mir schon gesagt, ich sei ent-
lassen, doch offiziell hat man mir es nicht gesagt und
so hoffe ich nach dem Urlaub doch wieder eine Stelle
zu erhalten. Heinrich[1] undAnita[2] arbeiten dort.
Heinrich, der bisher beim Eisenbahndepo Wagonen
baute und remontierte und dabei einigermaßen ver-
diente, wurde auf Bauarbeit überführt und da er
eine zusammengewürfelte Brigade hat, wird er
jetzt wenig verdienen. Anita mit Lili und anderen
deutschen Mädchen, arbeitet an einem Дровoрезный
Станок, <Holzschneidemaschine, AW> der Holz für Lokomotiven fertigstellt.
Es ist schwere Arbeit, Lenchen[3] macht es sich

[3]
ebenfalls schwer, nimmt viel Schneiderarbeit an und
dieses immer aus alten Sachen und wenig Bezahlung, es
ist Gift für ihre Brust, man kann es aber gar nicht ver-
wehren, da es anders nicht langt. Viktor[4] geht zur
Schule, sein Lernen vom Herbst bis zum November
ließ viel zu wünschen übrig, jetzt hat er sich gebessert –
es macht ihm scheinbar keine Freude (es ist mir sehr
schade). Wenn er aber ein Pferd langen kann, dann
sitzt er oben und dann geht’s immer in vollem Galopp,
es steckt viel Leben in dem Jungen und seiner Erziehung
sollte große Aufmerksamkeit geschenkt werden und ich sehe
ihn in 2-3 Monate nur ein paar Tage –
Er sollte unbedingt aus dieser Umgebung heraus.
Sch.<wiegermutter>Mutter[5] ist immer noch tätig und gesund. Bekamen
vor ein paar Tage einen Brief von Sch.<wager> Joh. Neufeld[6]
Er ist einer kleinen Insel im Kaspischen Meer.
Unseren Verwandten geht es allen gut. Das Leben
im Allgemeinen bessert ja von Tag zu Tag –
Mutter[7] ist wohl in letzter Zeit alt geworden, das zusammen-
leben mit dem alten Hans, muß für Sie sehr schwer sein.
Meta[8], um sie alle zu unterhalten, arbeitet früh und spät im
Kollektiv. Sie will den Mut nicht sinken lassen –
Von Artur[9] sehr wenig Briefe, lebt im Kaukasus als

[4]
Wirtschaftler an einer großen Schule. Er hat den Wohnort
diensthalber so oft wechseln müssen, daß das Lernen der
Kinder darunter wohl ziemlich gelitten hat. Am wenigsten
gut geht es wohl Herb.[10] Seine Krankheit ist schwer, er
ist in einem Kurort bei Рыбинск. Ist von den anderen
Kranken isoliert – fühlt sich sehr vereinsamt, doch sind seine
Briefe getrost. Klagt nie, trauert nur sehr um seine
Kinder. Elsa[11] Janzen lebt mit ihrem Peterchen[12] hier auf
dem Поселок <Siedlung, AW>. Letzterer lernte hier schustern, hat es scheinbar
nicht gerne mit der Arbeit zu tun, ist noch keine Stütze
für seine Mutter. Lili[13] ist ein tüchtiges ordentliches Mädchen.
Ihre älteste Tochter Lenchen[14] hat ihren Nachbar Heinrich Toews geheiratet
Dieser ist hat eine Anstellung auf einem Wanderzug als Handwerker.
Waren lange in Auli Ata, jetzt dicht bei Moskau – Ihr Ältester
Ваня[15] <Johann, AW> ist jetzt dort bei ihnen, war im September hier bei
seiner Mutter, hat mir nicht sehr gefallen, ist wohl nicht in
guter Geselschaft gewesen. – Wie geht es Eurem Cosin
Hans? Ist wohl immer ungesund, sollte Klimawechsel
haben. Möchte, wie er schreibt, gerne zu seinen Freunden Andresen,
aber dieses ist aussichtsloser denn je. Wie könnte ihm wohl
geholfen werden? Doktor Benjamin ist doch ein geschickter Arzt,
kann er gar nicht helfen? Für Eure Glückwünsche herzlichen Dank,
ebenso für die Photographie. Würde mich freuen d. Berichte zu
erhalten! Nun Gott befehlen Ihr Lieben alles
In aller herzl. Liebe Euer Johannes.
Wenn Ihr Jacob Wiebs[16] schreibt, grüßt Sie doch bitte herzl. —-
haben seinerzeit auch viel durchgemacht, aber es hat doch ein Ende
genommen, wurde von ihrem Leben u. wirtschaften gerne Näheres
[hören?]

[1] Heinrich Penner (31.01.1915-1944), GRANDMA #1196385, Sohn des Briefschreibers
[2] Anita Penner (10.09.1916 – 2011), GRANDMA #1196386, Tochter des Briefschreibers
[3] Lenchen, Helene (Magdalena), geb. Neufeld (02.12.1889- 06.04.1977) Penner, GRANDMA #1196384 und #1409616 Ehefrau des Briefschreibers
[4] Viktor Penner (08.08.1926-2009), GRANDMA #1196387, Sohn des Briefschreibers
[5] Anna Neufeld, geb. Gerh. Fieguth (11.02.1864- 10.02.1943), GRANDMA #19140
[6] Johannes, Hans Neufeld (*ca.1893), GRANDMA #1409617, Bruder von Magdalena geb. Neufeld
[7] Mutter=Käthe geb. Dyck (20.08.1868-13.06.1943), GRANDMA #132337
[8] Meta Penner (03.03.1907-24.12.1976), GRANDMA #1196382 Schwester des Briefschreibers
[9] Artur Penner (16.10.1895- 28.02.1937), GRANDMA #1118662 Bruder des Briefschreibers
[10] Herb.= Herbert Penner (02.03.1899- 14.09.1937), GRANDMA #1196381 Bruder des Briefschreibers
[11] Elsa Janzen, geb. Epp (*ca. 1891), Tochter von Bernhard Epp (ca.1858-ca. 1925), GRANDMA #342312
Aus der Familienchronik Epp, geschrieben von Dr. Katharina Neufeld: Der Familie Elsa (Tochter von Bernhard jun. Epp) und Peter Janzen (gest. 1922 von Thyphus) wurde der ganze Besitz: Land, Haus, 6 Pferde und 6 Kühe weggenommen. Sie arbeiteten dann im Kolchos in Köppental. Im Jahre 1935 wurden Elsa (Epp) Janzen mit den Kindern aus dem Kolchos ausgeschlossen und sollten nach Karaganda verbannt werden. Um dem zu entgehen sind sie nach Kotlas zum Bruder, Bruno Epp, geflohen. 1937 – ist der Sohn von Elsa und Peter Janzen – Johann – während seines Studiums in Engels verhaftet und auf 10 Jahren in den Norden verbannt worden.
[12] Peter Janzen (*ca. 1920), Sohn von Elsa und Peter Janzen
[13] Lilli (Elisabeth) Janzen (*ca. 1912), Tochter von Elsa und Peter Janzen
[14] Helene Janzen (*ca. 1912), Tochter von Elsa und Peter Janzen
[15] Johann Janzen (*ca. 1918), Sohn von Elsa und Peter Janzen
[16] Jacob Wiebs = Familie  Jakob Wiebe (27.01.1887-04.01.1967), GRANDMA #6796

search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close