Kurze Geschichte der Kolonie Am Trakt

Die Kolonie Am Trakt wurde von mennonitischen Einwanderern aus Westpreußen gegründet. Für die Mennoniten aus der Danziger Niederung gab es mehrere Gründe ihre Heimat zu verlassen. Als wichtigster galt die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auch für ihre Glaubensbrüder. Ausserdem wurde es ihnen gesetzlich erschwert neues Land in der Gegend zu erwerben. Aus diesen und weiteren Gründen trafen sich 1850 die Vertreter der verschiedenen mennonitischen Gemeinden und beschlossen die russische Regierung um eine Einreiseerlaubnis zu bitten.

Die russische Zarin Katharina die Zweite veröffentlichte am 22.07.1763 einen Manifest in dem sie die europäischen Einwanderer eingeladen hat und ihnen Land und viele Vergünstigungen versprach. Dieser Einladung folgten viele Deutsche und kamen nach Russland. Im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden an der Wolga, in der Nähe von Saratov, mehrere deutsche Dörfer, die von Einwanderern katholischer und evangelischer Konfessionen gegründet wurden. Ungefähr in der gleichen Zeit gründeten Mennoniten aus Westpreußen ihre Siedlungen an den Flüssen Dnjepr und Molotschna, in der heutigen Ukraine.

Zur Mitte des 19. Jahrhundert war die Besiedlung dieser Gebiete jedoch abgeschlossen und jeder, der nach Russland einwandern wollte, brauchte eine Genehmigung von den russischen Behörden. Aus diesem Grund wurden auf der Versammlung 1850 zwei Deputierte gewählt –  Claas Epp (1803-1881) und Johann Wall (1792-1860) die zunächst zu ihren Glaubensbrüder an der Moltschna reisen wollten, um mit ihnen die Vorgehensweise einer Auswanderung zu besprechen und mögliche Ansiedlungsland auszukundschaften. Dort wurde ihnen seitens russischen Regierung kein Land in Aussicht gestellt. Wenn es zu einer Genehmigung kommen sollte, dann an der Wolga – entweder im Gouvernement Saratov oder Samara.

Im Herbst 1851 reisten erneut zwei Deputierte, Claas Epp (1803-1881) und Johann Klassen nach Russland um über die Bedingungen der Umsiedlung zu verhandeln. Ihnen wurde die Erlaubnis  zur Einwanderung von 100 mennonitischen Familien erteilt.

Die Deputierten hatten auch die zur Ansiedlung angebotene Gegenden bereist und angesehen. Die Entscheidung fiel auf das Gouvernement Saratov. Ausschlaggebend waren die deutschen Siedlungen in der Nachbarschaft und die gewisse Distanz zu den nächsten Ortschaften.

Im Herbst 1852 machten sich die ersten ca. 20 Familien auf den Weg nach Russland. Sie überwinterten in der Molotschna. Ein Teil von ihnen reiste nächstes Jahr weiter an die Wolga und überwinterte in dem lutherischen Dorf Warenburg. Dort trafen sie auch die Vorbereitungen zum Aufbau der eigenen Ansiedlung.

Das Land, welches den Einwanderern angeboten wurde lag am ehemaligen Salztrakt. Früher wurde auf diesem Weg Salz von den Salzseen Elton und Baskuntschak nach Saratov transportiert. Es war aber keine befestigte Straße, sondern ein ziemlich breiter Landstreifen von Süden nach Norden ausgerichtet, auf dem auch Viehherden aus Asien – Kasachstan und sogar aus Mongolei in die Schlachtereien von Saratov getrieben wurden. Von hier stammt auch der Name der neuen Ansiedlung – Am Trakt.

Entlang von diesem Trakt wurden die ersten vier Dörfer gebaut: Hahnsau, Köppental, Lindenau und Fresenheim. Wenn man weitere Dörfer in die nördliche Richtung errichten würde, käme man mit den Ortschaften zu nah an die Stadt Pokrowsk. Das wollten die Gründungsväter verhindern, denn sie fürchteten, dass die Jugend dadurch verweltlichen könnte. Aus diesem Grund wurde für die weiteren Dörfer eine andere Richtung eingeschlagen – von Westen nach Osten. So entstanden die Oberdörfer Hohendrf, Lysanderhöh, Orloff, Ostenfeld und Medemtal, die eigentlich nicht direkt am Trakt lagen. (Man kann es auch weiter unten auf der Skizze sehen).

Das erste Dorf Hahns-Au wurde 1854 gegründet. Es folgten:

Es entstanden insgesamt 10 Dörfer, wobei die letzten überwiegend von in Russland geboren Menonniten bewohnt wurden.

1856 wurde ein Antrag an die russischen Behörden gestellt, der weiteren 100 Familien aus Westpreussen die Einreise nach Russland erlaubte. Insgesamt siedelten ca. 140 Familien aus Danziger Niederung in die Ansiedlung Am Trakt um.

1858 zog Claas Epp (1803-1881) ins Gouvernement Samara um, wo er eine neue Kolonie Alexandertal gründete. Diesen Standort hatte er bereits bevorzugt. Es war die letzte Ansiedlung, die von Einwanderen aus Westpreußen besiedelt wurde.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten, brachten es die Ansiedler der Kolonie Am Trakt zu einem gewissen Wohlstand. In ihrem wirtschaftlichem Erfolg standen sie nach kurzer Zeit deutlich besser als die russischen und deutschen Dörfer der Umgebung da.

Es wurden zwei Kirchen Gebaut. 1864 in Köppental und 1872 in Orloff. Im Tagebuch von Johann Jantzen (1823-1903) steht: “ am 30.09.1874.  Neue Kirche in Orloff eingeweiht. Gäste waren gekommen von Samara, der Älteste Joh. Wiebe und alte Claas Epp. Von der Molotschna Bernhard Harder und Sawatzki. Die Kirche war voll.“ Es gab aber nur eine Gemeinde Orloff-Köppentaler. Die Tauffeste wurden jedes Jahr abwechselnd in beiden Kirchen durchgeführt.

Fast in jedem Dorf der Ansiedlung gab es eine Grundschule und in Köppental eine weiterführende Zentralschule.

In den Jahren 1880 – 1881 wanderte, unter der Führung von Claas Epp jun. (1838-1913), dem Sohn von Claas Epp (1803-1881), eine Gruppe aus ca. 70 Familien vom Trakt nach Mittelasien in die Gegenden von Auli-Ata und Chiwa aus. Sie wollten einen Bergungsort für die Gemeinde Christi finden. Die Auswanderung war maßgeblich von der religiösen Lehre des Anführers Claas Epp jun. geprägt. Es waren aber auch Mennoniten aus der Molotschna Kolonie nach Mittelasien ausgewandert.

Ende des 19. Jahrhundert sind einige Familien vom Trakt in die USA und nach Kanada ausgewandert. Der Grund dafür war die Einführung der Wehrpflicht auch für Mennoniten.

Nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 und dem darauffolgenden Bürgerkrieg verschlechterte sich die Lage der Mennoniten Am Trakt. Infolge der Enteignung und Zwangslieferungen von Lebensmitteln an den Staat entstand eine Hungersnot, die nur mit Hilfe der Glaubensbrüder aus dem Ausland (USA und Kanada) überwunden werden konnte.

Die Unzufriedenheit der Bauern im gesamten Wolgagebiet führte 1921 zu einem Aufstand, der auch von einigen Mennoniten unterstützt wurde. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Am 19.05.1921 fand in Köppental ein Militärtribunal statt, welches 20 Personen (nicht nur Mennoniten) zum Tode verurteilte. Die Beschuldigten wurden am gleichen Tag erschossen. Einige Bauern wurden zu verschiedenen Freiheitsstrafen verurteilt.

In der Zeit des Umbruchs in Russland waren viele Familien vom Trakt über Deutschland weiter nach Amerika ausgewandert.

1922 wurde in der Sowjetunion eine Neue ökonomische Politik (NÖP) proklamiert, die zur Verbesserung der Lage der Bauern führte. Eine begrenzte Privatwirtschaft wurde ebenfalls zugelassen. In dieser Zeit (bis 1927) ging es wieder bergauf mit der Wirtschaft am Trakt. In dieser Zeit entstand auch die autonome Republik der Wolgadeutschen, zu der auch die Ansiedlung „Am Trakt“ gehörte.

Doch schon 1930 folgte eine neue Welle von Repressionen. Alle Bauern wurden enteignet und in kollektiven Wirtschaften (Kolchosen) organisiert. Viele Familien vom Trakt, die es nicht geschafft hatten ins Ausland zu fliehen, versuchten in anderen Orten Russlands unterzutauchen. Ca. 40 Familien wurden in der ersten Hälfte des Jahres 1930 vom Trakt nach Maikuduk (Kasachstan) verschleppt, wo später die Stadt Karaganda entstand. In dieser Zeit wurde die Kirche verboten und die Geistlichen verfolgt. In die Häuser der Verschleppten siedelten Leute anderer Konfessionen ein. Damit wurde die Auflösung der Mennonitengemeinde Am Trakt eingeleitet.

Mitte 1930er sind einige Familien vom Trakt zu ihren Glaubensbrüdern nach Mittelasien geflohen, wo die Verfolgung der Gläubigen noch nicht so stark war. Doch es dauerte nicht lange und sie wurden auch dort verfolgt.

In den 1937-1938 Jahren (Jahre des Roten Terrors) wurden wiederum viele Männer und Frauen vom Trakt erschossen oder zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

1941 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, wurde die autonome Republik der Wolgadeutschen aufgelöst und alle deutschen Bewohner nach Sibirien und  Kasachstan verbannt. Damit war das Ende der Mennonitengemeinde Am Trakt besiegelt.

Nach dem Ende des Krieges 1945 und dem Ende der Kommandanturüberwachung 1955  (bis zu diesem Zeitpunkt galten sie als Sondersiedler und durften die ihnen zugewiesene Orte nicht verlassen) durften die Deutschen in ihre Heimatorte nicht zurück. Sie mussten eine Bescheinigung unterschreiben, dass sie die nächsten 25 Jahre auf eine Rückkehr verzichten.

Kolonie Am Trakt
Skizze der Kolonie Am Trakt. Gezeichnet von Johannes J. Dyck

Das ist eine grobe Zusammenfassung über die Geschichte der mennonitischen Ansiedlung Am Trakt. Denen, die sich ein eigenes Bild über die Ansiedlung machen möchten, kann ich folgende Quellen empfehlen:

Links:

Bücher:

  • „Am Trakt, Eine mennonitische Kolonie im mittleren Wolgagebiet“ von Johannes Dyck (1885-1948) Lichtzeichen Verlag GmbH, ISBN: 978-3-86954-023-8
  • „Unser Auszug nach Mittelasien“ von Franz Bartsch, Lichtzeichen Verlag GmbH, ISBN: 978-3-86954-022-1
  • „Mennoniten in Mittelasien“ von Robert Friesen, Samenkorn e.V. ISBN: 978-3-86203-073-6. Enthält Erinnerungen von Jakob Wiebe (1887-1967) über sein Leben in Lysanderhöh, Am Trakt, seine flucht nach Westpreußen 1921 und Auswanderung in die USA. Ausserdem viele Anlagen mit Namen.
  • „Aus Preussen über Russland und Turkestan nach Amerika“ von Robert Friesen, Samenkorn e.V. ISBN: 978-3-86954-190-7. Enthält ein Tagebuch von Johannes Jantzen (1823-1903) welches er vom Jahr 1839 bis zu seinem Tod 1903 geführt hatte.
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close