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Familien Register
Nebst Einiges aus dem Leben des
Johann Wall

Wohnhaft gewesen zu Schönsee bei Tiegenhoff in Westpreußen von 1815 – 1852. jetzt in Hans – Au bei Saratow an der Wolga. Der Mensch vom Weibe geboren, lebet kurze Zeit und ist voll Unruhe. Hiob 14, 1. Dem Menschen ist gesetzt einmal zu sterben, darnach aber das Gericht. Hebr. 9, 27.

Herr, lehre uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden. Ps. 90, 12.

Der Herr Jesus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmer mehr sterben.

Joh. 11, 25. 26. – +

1. Tim. 1, 15. 16

Denn das ist je gewißlich wahr und ein theuer werthes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit wiederfahren auf daß an mir, vornehmlich Jesus Christus erzeigte alle Geduld zum Exempel denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.

3.

Mein lieber Vater Johann Wall ist geboren zu Bröske bei Neuteich am 20. Februar 1765. Sein Vater war Johann Wall auch daselbst, aber in einen andern Grundstück geboren, den er in seinem 11. Jahr 1776 durch den Tod verloren hat. Seine Mutter war eine Helena von Bergen welche gestorben ist im April 1793, welche mich noch an 2 Monat gesehen hat. Er wurde zum Lehrer der Gemeinde gewählt 1798. Er starb am 15 März 1831 und brachte sein Alter auf 66 Jahre 24 Tage.

Meine liebe Mutter Helena geborene Klaashen wurde geboren zu Neiteicherfelde am 22 Juni 1772. Ihr Vater war Abraham Klaashen, welcher starb 1778. Ihre Mutter war Catharina geborene Wiens, welche starb im Jahr 1804. Sie wurde vom Herrn aus dieser Welt gerufen 1846 am 8 Dezember, 2 Uhr Nachmittags alt 74 Jahr 5 Monate 15 Tage.

Diese Ehe segnete der Herr mit:

  1. Johann geboren 1793, den 14. Februar 10 Uhr abends
  2. Catarina geboren 1794, den 27. Juni gestorben 1794 den 5. Oktober
  3. Catarina geboren 1795, den 6. September gestorben 1795 den 8. November
  4. Helena geboren 1801, den 18. Januar gestorben 3 Uhr Abends

4.

  1. Catharina geboren 1803, den 28. Oktober 1⁄2 2 Morgens (Gestorben den 13 Februar 1858)
  2. Peter geboren 1805, den 31. August gestorben 1807 den 2. September
  3. Maria geboren 1808, den 14. Februar 6 Uhr Abends.
  4. Eine Tochter todgeboren 1809.
  5. Peter geboren 1810, den 27. April, gestorben 1810, den 25. Juni.
  6. Peter geboren 1811, den 27. Juni, gestorben 1811, den 1. September
  7. Anna geboren 1813, den 21. September, gestorben 1814, den 2. Januar
  8. Franz geboren 1815, den 29. April, gestorben 1815, den 10. August
  9. Franz geboren 1817, den 29. Januar, gestorben 1823, den 3. Februar

Im Jahre 1793 am 14 Februar 10 Uhr Abends erblickte ich, wie vorseitig zu ersehen zu Bröske das Licht dieser Welt. Im Jahre 1812 wurde ich durch die heilige Taufe in die Gemeinde zu Ladekopkerfeld aufgenommen. Im Jahre 1815 den 24 Februar trat ich in den Ehestand mit Jungfrau Justine Toews zu Schönsee. Ihr Vater war daselbst Johann Toews Lehrer der Gemeinde zu Ladekopp, welcher im Jahre 1813 gestorben war. Ihre Mutter hieß Justina geboren Klaashen welche sie im Jahre 1805 verloren hatte. Geboren wurde sie am 31 Mai 1793 und kam mit mir an einem Jahr bei die Gemeinde. Sie starb an den Folgen des Blutsturzes nach der letzten Entbindung am 2. Juni 7 Uhr M. 1824. Alt 31 Jahr 1 Tag.

5.

Diese unserer Ehe segnete der Herr mit:

  1. Johann geboren 1816, den 8. Januar 11 Uhr Abends.
  2. Helena geboren 1818, den 27. Januar gestorben 1823 den Januar.
  3. Franz geboren 1819, den 10. September gestorben den 18 November alt 9 Wochen 6 Tage.
  4. Justina geboren 1820, den 26. Oktober
  5. Helena geboren 1824, den 13. Mai gestorben den 3 August
  6. Catarina geboren 1824, dato 3⁄4 auf 10 Abends gestorben nach 1. Stunde
    Zum 2. Mal in die Ehe getreten mit:Margaretha geborene Regier am 9. November 1824. Dieselbe ward geboren zu Tralau am 9. April 1799. Ihr Vater war daselbst Gerhard Regier ein Sohn des in Chortitz im südlichen Rußland verstorbenen Aeltesten Cornelius Regier. Dies meine liebe Frau rief der Herr über Todt und Leben von meiner Seite als ich mit ihr und unsern lieben Kinder auf der Reise nach Rußland auswanderten, an den Folgen der rothen Ruhr am 19 August 1852 in Lublin in Pohlen. Dort schläft sie auf dem evangelischen Kirchhof links in der Ecke unter Linden, Akazien und Hirschkolben.Ein einfacher Leichenstein deckt ihr Grab mit Angabe ihres Namens, Geburt, Tod und 1. Timoth. 1, 15.16.

    In dieser Ehe wurde uns geboren:
    1. Helena geboren 1825 den 2. Oktober 9 1⁄2 Uhr Abends gestorben 5 Mai 1876 nach altem Styl

    6.

  1. Gerhard geboren 1827, den 6. Juli 2 1⁄2 Uhr Morgens gestorben 1831, den 23. März.
  2. Cornelius geboren 1829, den 9. März 1⁄2 12 Mittag
  3. Peter geboren 1830, den 21. April 10 Uhr Abends gestorben 1832, den 24. Juni
  4. Margaretha geboren 1832, den 10. Juli 10 1⁄2 Uhr Abends gestorben 1852, den 15. Juni.
  5. Ein Sohn todgeboren. 1823, den 11 Februar gestorben.
  6. Gerhard geboren 1835, den 18. Mai 12 Uhr Nachts.
  7. Jacob geboren 1836, den 9. Juni 5 Uhr Morgens.
  8. Anna geboren 1837, den 17. November 3 1⁄2 Uhr Morgens gestorben 1838, den 1. Januar.
  9. Herrmann geboren 1839, den 7. April 10 Uhr Abends, gestorben den 1. Mai
  10. Maria geboren 1841, den 20. Maertz 5 Uhr Abends.
  11. Elisabeth geboren 1842, den 16. August 2 Uhr Nachmittag.

Wo die Datos nicht doppelt angeschrieben sind da ist es der neue Styl. Später im Lebenslauf ist zum alten Styl übergegangen worden.

Seite 27 – 38 fehlen

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… che Seele erguickt und lebt ob zwar sie selbst nichts im Stande ist, die Erfahrungen welche sie uns dem Wege ihres Lebens gemacht durch Wort und Schrift so auszudrücken. Nur der dritte Werb wo es heißt, daß ich in stiller Ruhe bei Kreuz und Trübsalswinde bleibe, das kann ich nicht immer sagen, denn mein Fleisch ist sehr Kreuz und Trübsalschen, sodaß ich auf meinem Pilgerwege oft aus zagen jedoch dem Herrn sein ewig Lob und Dank! … an`s Versagen gekommen bin. Da es mir oft in Gedanken gekommen ist, daß ich für meine Kinder etwas von dir treuen Liebe meines Heilandes erzählen und aufsetzen wollte, der mit sie nach meinem Abschiede sich erinnere könnten wir der Herr ihren Vater von früher Jugend so gnädiglich zu sich gezogen hat, damit sie ermuntert wurden sich auch immer mehr und mehr von feinen Liebesteilen umschlingen und ziehen zu lassen, so bin ich heute durch die dritte Strophe diese Liedes aufs neue hierzu ausgemuntert worden, zuergüßen wie der Herr mich je und je geliebet hat und zu sich gezogen aus lauter Güte. Bereits früher in den Jahren 1821-1831 habe ich einiges dieser Art aufgezeichnet, indem ich dann und wann in Form eines Tagebuchs etwas aufschrieb, was ich aber später aufgab.

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Diese Hefte hat mein Sohn in Preußen behalten. Was ich hier nun, so der Herr, dazu Gnade schenkt zu sagen gedenke wird in der Hauptsache, wenn jene mit diesen zusammen gebracht werden, stimmen. Jedoch habe ich die Falten meines verdorbenes Herzens durch die Gnade des Herrn später noch besser kennen gelernt und bin zu den Ueberzeugung gelangt, daß der Mensch durch die Gnade Gottes sich für einen fluch und verdammungswürdigen Menschen, der nichts Gutes an sich hat halten und erkennen kann und doch in seinem Herzen nicht wirklich arm sei, sondern mehr oder minder auf dies sein Armes Sünderbekenntniß sein Vertrauen setzt – Auch in Außerungen der Demut kann der Stolz sich verbergen, so daß der Mensch auf alle die, die noch nicht das Licht des Evangeliums kennen, stolz herab sieht. Zwischen Rechtgläubig und rechtgläubig bleibt ein Unterschied, denn uns aber nur der Geist Gottes kennen lernen kann. Um uns Menschen wenn wir der lockenden Stimme unseres Hirten nicht überhören recht klein und arm zu machen, dazu läßt Gott der Herr der nicht den Tod des Sünders will, auf dem Wege, den er mit uns von früher Jugend an geht, keine Gelegenheit unbenutzt,

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Denn es ist wie es in einem Liede heißt. Sein tägliches Bemühen Seelen zu reinigen und zu erziehen. Das will und hoffe ich in der Ewigkeit ohne aufhören zu rühmen und zu preisen, denn die Geduld, Liebe, Freundlichkeit meines Gottes, die er mir erwiesen hat, werde ich in Ewigkeit nicht aussprechen können. Möchte der Herr es mir geben, daß ich hier im Lande der Sterblichkeit einige schwache Züge von seiner erbarmenden Liebe niederschreiben könnte und sollte es ihm gefallen, daß nach meinem Tode eins oder das andere meiner Kinder, wenn sie hier sehen wie lieb Gott der Herr ihren Vater gehabt hat, daß sie dadurch auch aufs neue ermuntert würden, um sich mit mehr Liebe und Treue ihm sich in die Arme zu werfen, so ist mein Wunsch erfüllt.

Etwas aus meinem Lebenslauf.

Wie in diesem Heft vorne im Familien Register steht, bin ich im Jahre 1793 am 14 Februar n. Styl geboren, als heute vor 62 Jahren. Mein Vater war auch in Bröske bei Neiteich geboren im denselben Hofe. Er hatte seinen Vater als er 11 Jahre alt war, durch den Tod verlohren und später als sein Bruder sich verheirathete, hat er die Wirtschaft fortgesetzt (nehmlich der Halbbruder.)

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Im Jahre 1792 das Datum ist nicht angegeben verheirathete sich mein Vater mit der Tochter des damals bereits verstorbenen Abraham Klaashen zu Neiteichdorfsfeld namens Helena. Meine Mutter hatte einen rechten Bruder mit Namen Julius, den ich auch gekannt habe, der aber unverheirathet starb, eine rechte Schwester mit Namen Maria die älter war, blieb im väterlichen Grundstück deren Mann Peter Wilms hieß und im Jahre 1807 zum Teil von Aengsten durch die bei ihm kommenden plündernden Franzosen starb. Meine Tante verheirathete sich wieder mit einem jungen Menschen Herrmann Regier hatte aber keine Kinder mehr als die 3 Töchter Namens Catharina, Maria und Helena aus erster Ehe, wovon jetzt noch die letzteren, die einen lutherischen Mann hat, lebt, Einen Halbbruder hatte meine Mutter Johann Klaashen, der im 1804 Jahre nach der Molotschna auswanderte. Aus dieser Ehe bin ich unter 10 Kinder der Aelteste, wovon die mehrsten klein starben. Da ich der einzige Großsohn meiner Großmutter war so war ich oft auf mehrere Tage bei ihr, in-

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dem sie mich zärtlich liebte, jedoch nicht mit Schwäche, welche Großaeltern oft an sich haben, daß die Unarten ihrer Enkel mit solcher Liebe übersehen. Sie soll früher eine sehr lebhafte Frau gewesen sein. In der zweiten Ehe haben ihr manche Leiden getroffen, wodurch sie sehr gebietert worden ist. Diese meine Großmutter bei der ich als kleiner Knabe oft schlief, lehrte mich des Gebet: Fürchte Gott liebes Kind, Gott der Herr sieht und weiß allen Ding, Amen. Und dies Gebet ich will es meiner Großmutter in der Ewigkeit – oder vielmehr dein Herr danken der mich durch ihr dieß lehren ließ. Dies Gebet legte in mich einen Grund, denn ich nie los wurdt. Ueberall wo ich ging und wo ich war und was ich that fiel mir dieses Lied ein. Da meine Großmutter oft geistliche Lieder sang und mich zur Gottesfurcht ermahnte, so machte dies einen lebhaften Eindruck auf mich. Später wie ich anfing zu lesen las ich gerne biblische Geschichten und manchmal mußte ich selbige meiner Großmutter vorlesen, und da mein Vater nur wenig Bücher hatte, und die er besaß nur religiöse waren von alten Schrot und Korn so blieb ich vor verführerischen Schriften bewahrt. Hatte ich die Gelegenheit gehabt, wie das in mehreren Haüsern der

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Fall ist, daß eine Fluth von Romanen fortwährend ab, und zu strömmte, wer weiß welchen Eindruck sie auf mich gemacht haben würden, jedoch als später in meinen reiferen Jahren mit ihnen bekannt wurde, war nur diese Lektüre zu wider, obgleich sie von der andere Seite meinen Fleische sehr angenehm und reizbar waren. Die Schulen standen damals auf einer niedrigen Stuffe d. h. auf dem Lande so lernte ich blos mechanisch Lesen, Schreiben und Rechnen. Morgen und Abendgebete auswendig, die ich in meinen ersten Schuljahren in meiner Kindischen Einfalt, wenn ich ein Anliegen bei Gott hatte, benutzte, wenn in derselben auch nicht das ausgesprochen war, was ich von Gott begehrte, bis ich später anfing mein Anliegen vor Gott mit eigene Worten ihm zu sagen. Eines Morgens kam ich vom Felde, und weiß mir noch so gut die Stelle zu besinnen, da fiel mir sehr lebhaft der Gedanke ein du mußt jeden Morgen und Abend beten, und von der Zeit hatte ich einsame Stellen wo ich den Herrn anrief, als auf dem Heuboden, hinten an der Scheune unter der Abseite u. s. w. Wenn ich eine Sünde beging, denn ich bin von Natur sehr zur Sündlichkeit und zum Leicht-

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sinn geneigt, so wuste ich nicht mich zu trösten und ob ich wohl das Gebet Christi Blut und Gerechtigkeit, das ihr mein Schmuck und Eherenkleid wohl kannte, so war mir dieser freie und offene Born wieder die Sünde und Unreinigkeit doch noch unbekannt. Sehr oft habe ich, wie ich schon aus der Schule war, wenn ich allein war und über meinen Seelenzustand nachdachte, bitterlich geweint. Einmal wie ich mit den Ackerhacken die Bruche durchfuhr, zerfloß ich so in Träumen, daß ich mich nicht fassen konnte, indem ich nicht anders schließen konnte als sei ich unter der Zahl der Verdamten nach meinem Tode und da ich ohne hin schon einen verfloßenen Karakter habe, und keinen Menschen hatte, dem ich mich zu entdecken wagte, so klagte ich diesen Zustand, so gut ich konnte meinem himlischen Vater, der Heiland der Sünder war mir zwar sehr ehrenwerth, aber ich kannte sein liebendes Herz gegen außfertige Sünder noch nicht. Bei alle dem galt ich für einen tugenhaften Jungling, obgleich ich in meinen Augen nicht weniger war, als das. Auch wurde ich in dem Kreise unter uns für gelehrter als viele meines Gleiche gehalten obgleich ich nichts von Rechtschreiben, Sprachlehre und dergl. nie etwas gelernt habe. Meine Eltern hielten auch nicht

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Strenge aber fortfahrend zur Thätigkeit an und da ich einen schwächlichen Körper hatte so fiel mir die Arbeit zuweilen recht schwer, sodas ich manchmal wünschte, wenn ich etwas stärker wäre. Da ich ein sehr fühlbares Gemüth habe, so that mir eine scharfe Ermahnung oder Gerechtweisung meines Vaters oder meiner Mutter sehr wehe, ich kann mir aus meiner Kindheit nur besinnen das ich einmal von meiner Mutter eine Ohrfeige bekommen habe, indem ich aus Liederlichkeit das Kindermädchen mit meiner aelteren Schwester von Stule stieß, daß letztere sehr weinte. Meine Eltern hatten mehr die Methode in der Erziehung der Kinder dieselben so zu leiten, das die nicht gestraft werden dürften und dann haben sie wohl mehr für uns gebetet und vorgelebt als das sie uns mit vielen Worten gerecht wiesen, jedoch wurde bei dem kleinsten versehen uns die Fehler gezeigt und dafür gewarnt. Wenn meine Eltern ihre Verwandten oder Nachbarn besuchten wenn ich allein im Hause war oder Sonntag wenn ich nicht Besuch hatte, so las ich in der Bibel, Satonsgoldenes Kleinod und zeignete mir Lieder und Stellen die auf meinen Herzenszustande passten und hatte gesegnete Stunde, so daß ich damals auch noch jetzt nichts von Langeweile wußte. Und dabei füle ich einen solchen Trieb in mir,

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Ich sollte einmal Lehrer werden, uhngefähr in meinen 9. Jahre sagte der Futterknecht einmal zu mir: „Hör Johann, wenn du wirst groß sein so mußt du nicht Prediger werden, den hast du es schwer und mußt fromm leben. „ Da dachte ich stillschweigend, das wirst du doch. Bei alle dem aber war ich leichtsinnig und fand Vergnügen daran in Geselschaften weltliche Lieder zu singen, worüber ich aber jedesmal einen Stachel in meinem Gewißen entstand. So wie aber der Herr mit seiner unbeschreiblichen Barmherzigkeit von meiner frühen Jugend an mich mit Seilen der Liebe umschlang und mich zu sich zu ziehen suchte, so war die List des Feindes auf der anderen Seite auch sehr geschäftig und mich zum Fall zu bringen.

Als ich einmal in Danzig im Artushoffe (Junckerhoff) ein Gemälde betrachtete welches den Weg des Christen nach dem himmlischen Jerusalem und unten oder in der Mitte das Gericht vorstellte, entwas ähnlich wie in der Pfaarkirche, da bemerkte ich das von der einen Seiten der Pilger den Teufel mit einen Bogen worauf ein Pfeil lag, nach den Frommen zielte, der durchdrang mir ein lebhafter Gedanke meine Seele, daß mit solchen Pfeilen auch auf mich gezielt worden.

So stehts auch geschrieben Eph. 6, 10-17- Noch als Knabe von ungefähr 12 Jahren wurde ich zufällig mit der Sünde bekannt, vor welcher

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Kapf in seinen Warnungenen vor dem gefährlichesten Jugendfeind, so ernstlich warnt. Ach! Ach! Diese Sünde hat mich manche tiefe Wunde geschlagen und ich mit die Ursache, daß ich oft, wie oben gesagt, bitterlich weinen mußte. Anfangs fühlte ich keine Unruhe in meinem Gewissen und wußte mir die Sache nicht zu erklären, hernach aber lernte ich aus Erfahrung kennen, daß die Sünde anfangs süß, hernach aber bitter wie Galle schmeckt. Ich fühlte oft den Stachel in meinem Gewissen, ich kämpfte ich flehte, aber alles vergebens und ob die Sünde nicht zur völligen Herschaft über mich kam, so das ich jetzt noch sagen muß: Herr gedenke nicht der Sünden meiner Jugend, nach meiner Uebertrettung, gedenke aber meiner noch deiner großen Barmherzigkeit um deiner Güte willen. Hätte ich einen treuen Freund und Rathgeber, oder wie besagtes Buch von Kapf gehabt, es wäre mir erwünscht gewesen. Möchten doch alle Mütter und Großmütter ihre Kinder mehr vom Kaffe und den gewürzhaften Speisen zurück halten, wodurch bei denselben die Reife zu früh eintritt. Die Meinugen haben es unwissend nicht gethan. Das der Herr weiß aus allem zu erlösen, wenn es uns ein rechter Ernst ist. Ich fühlte obgleich mich der Herr vor offenbaren Ausbrüchen der Sünden bewahrte, und ich wie gesagt für einen unbescholtenen Jungling gehalten würde, daß der Keim zu

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jeder Sünde in meinem Herzen lag, dabei es mir fest am Herzen, daß ich fromm und gottesfürchtig wurden möchte.

Im Jahre 1812 begab ich mich zur Gemeinde und wurde durch die christl. Wassertaufe derselben einverleibt. Dem damals lebenden Aeltesten Peter Rieger lag es sehr am Herzen seine Täuflinge so wie seine Gemeindeglieder zu dem Sünderfreund hinzuweisen und hinzuführen, jedoch es steht in keines Menschen Macht jemanden die Augen zu öffnen und das Herz aufzuschließen. Seine Ermahnungen waren mir theuer und werth und ich liebte ihn wie alle christlich gesinnte Männer meiner Zeit. Besonders war mir mein Schwiegervater meiner ersten Frau ihr Vater ein Muster von Frömigkeit da ich mehrere mennonitische Glaubens lehren gelasen hatte, so hatte ich dieselben ziemlich eine und selbige waren mir, so wie die Lebenspflichten, welche das Wort Gottes vor schreibt wichtig und heilig; ich kannte mein sündiges Herz und hielt mich im werth vor Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit, danach konnte ich keinen rechten tiefen Blick thun in den Abgrund der erbarmenden Liebe Gottes, die da ist in Christi Jesu. Ich stand zwischen Gesetz und Evangelium, dabei bettete ich oft: „Bekehre mich du, Herr, so werde ich bekehrt. Die Taufe machte auf mich einen gesegneten Eindruck und ob ich mir das Verdienst meines Heilands nicht recht zueignen konnte, so empfand ich doch bei allen Straucheln und Fallen allmählig eine größere Liebe und Sehnsucht nach ihm und fühlte mit untergesegnete Stunden wo ich den Trost der Sündenvergebung wie aus vollen Strömen genoß,

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jedoch mußte ich auch wieder Zeiten durchleben, wo kein Sternlein des Trostes mehr schien und es mir vorkam als habe der Herr seine Barmherzigkeit vor Zorn verschloßen.
Im September 1814 sagte ich eines Abends zu meinen Eltern, daß ich Neigung hätte in den Ehestand zu tretten und frug was sie dazu sagten? Darauf antwortete der Vater: „i, jetzt all?“ da er aber hörte daß ich um die Hand der Justina Toews, nachgelassene Tochter des Johann Toews zu Schönsee anhalten wollte, sagte er: da habe er nichts dagegen und so wurde der Anfang gemacht. Ihr Vater war das Jahr vorher gestorben jedoch die Sache blieb noch anstehen bis anfangs Februar 1815. Seit längerer Zeit hatte ich den Herrn gebeten, daß wenn er mich einmal eine Frau zuführte so wolle er mir doch solche schenken, die fromm und gotesfürchtig wäre, damit ich nicht vom ihm ab, sondern mehr zu ihm geführt werde und diese Bitte hat er gnädig erhört. Am 24 Februar 1815 wurde ich mit meiner Braut von dem Lehrer Bernhard Epp aus Schoense getraut und wir lebten glücklich und zufrieden. Hier in meinem neuen Stande hatte ich nun Gelegenheit und Mußte meinem Wunsch mehr nachzukommen. Hier fand ich mehrere Bücher von meinem Schwiegervater, unter anderem einiges aus der Brudergemeinde und dergleichen mehr. Bei alle dem bat ich den Herrn er möge mir doch Schriften bewahren, die für mein Glaubensleben mir nach-

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theilig sein würden. Nun kamen die neuere thealogische Schrieften auf, durch welche der bereits verbreitete Unglaube bekämpft und entlarvt wurde. Besonders der graue Mann von Stilling Missionsnachrichten welche ich über alles mit Begierde ergriff und wodurch ich mit inbegriff einiger Landbeschreibungen, so wohl eine etwas klarere Weltanschauung der kirchlichen und religösen Zustände gewann. Wolterdarts Lieder in welchen der Christus allein so klar ausgedrükt ist, waren mir besonders zum Segen, so daß es mir immer klarer wurde, wenn der Apostel sagt: Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name der Menschen gegeben warum sie können heilig werden, als der Name Jesu.

Bis zum Frühjahr 1817 hatten wir, ich und meine liebe Frau mit ihren beiden Brüdern Franz und Johann in ihrem älterlichen Grundstück zusammen gewirtschaftet. Ihr einziger Halbbruder Isaak war nicht lange vor unserer Heirath gestorben. Nun heirathete ihr Bruder Franz und nun sollte das Vermögen getheilt werden, jetzt wollten sie es, wir sollten das Grundstück kaufen. Wir sahen es ein, wir würden sehr viel schuldig, aber an dem Tage als der Handel abgeschlossen wurde

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nehmlich an meinem Geburtstage am 14. Februar 1817 da fang ein alter Bettler an der Thür: „Gott lebet noch und stirbet nicht, Gott ist mein Trost und Zuversicht etc. etc. und da fiel mir recht lebhaft der Gedanke ein. Auf dieses Gottes Beistand sei es gewagt, und wir schlugen auf Anrathen mehreren guten Freunden den Handel zu und gaben für den Hof mit 2 Hütten 22 1⁄2 Morgen kulmisch mit sehr schlechten Hintergebäuden und die Hälfte des todten und lebenden Infentarium 9333 Taler 10 Syg. wozu mir zusammen 5000 Taler hatten. Der Herr hat uns hier gezeigt, daß er uns nicht verläßt, wer in Schwachheit auf ihn traut.

Nun bildeten wir unseren eignen Herd und führten unsere eigne Wirtschaft. Meine Frau ihr jungster Bruder später mein doppelter Schwager, indem er meine Schwester Catharina heirathete, blieb bei uns. So bilig nach späteren Jahren das Grundstück gekauft war, damals waren die Preise nichts höher, so konnten wir lange nichts erübrigen und kamen tiefer in Schuld. Geld war fast nirgends zu bekommen, denn die Folgen des Krieges von 1807 und den Französische Durchmärsche von 1811 und 1812 wo erstere von den Russen zurück geschlagen worden, lagen noch hart auf der ganzen Gegend, dabei fiel uns in den ersten Jahren viel Vieh in einem Jahre Pferde

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3 Stück und Kühe, so daß wir nach und nach bei uns alles verloren und es müßte zugekauft werden. Dabei aber lebten wir glücklich und zufrieden, theilten Leid und Freund bis zum Jahre 1822.

Den Segen den der Herr uns in der Ehe bescheerte aber zum Theil auch wieder nahm ist vorne im Familienregister angezeigt. Wir freuten uns unserer lieben Kinder und baten Herrn, er möchte sie für den Himmel erziehn. Manchmal sprachen wir zu einander: „Was läßt der Herr uns bei vielen Trübsalen doch viel Gutes erfahren. Meine liebe Frau bekam den Blutstürz, so daß sie in 40 Wochen nicht aus der Stube konnte und sehr oft dem Tode nahe war. Da ging uns das Wasser bis an die Seele. Da lernten wir beten und den Herrn um Kraft anflehn. Als endlich der Herr durch mehrfache Hülfe half, da hatte ich wieder kein Geld die Herrn Aerzte und Apotheker zu bezahlen, denn die Getreidepreise waren noch immer niedrig, Gerste 8 und Roggen bis 12 Silbergroschen das Scheffel. Ich sprach ihrer 6-7 und keiner wollte mir Geld borgen bis mir mein Nachbar anbot, mehr als ich haben wollte ähnliches habe ich oft erfahren. Als meine liebe Frau 1824 im Mai wieder ins Wochenbett kam und von Zwillingen entbunden wurde, half keine ärtzliche Behandlung mehr,

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am 2 Juni n. St. ging sie in Folge des Blutstürzes nach dem ich das Lied: „ Mein Heiland nimmt die Kinder an“ vorlesen mußte und sie mit bewegter Seele ausrief: Ich armer Sünder, aber Christus am Oelberge.“ Zu ihres Herrn. Freunde im Glauben auf den, der die Gottlosen gerecht macht, ein. Nun stand ich allein mit meinen beiden kleinen Kinder Johann und Justina, in der Welt. Denn so kam es mir vor. Ein schwerer Schlag, aber der Herr half ihn tragen. Als nach diesem harten Verlust einige Monate vorüber waren und sich der Schmerz gelegt hatte und ich meine Verhältnisse und meinen Zustand nachdachte, da dachte ich zum 2. Male zur Ehe zu schreiten und mir eine Gehilfin zu finden, nun aber wählen. Da dachte ich hin und her, aber nirgends fand ich in meinem Herzen eine rechte Zustimmung, den das Hauptbedürfniß was ich in der zu suchenden Person wünschte, war ungeheuchelte Gottes furcht, da wo ich dies zu finden hoffte, wurde es mir wegen äußerst körperlichen Schwächen und Fehler, wie ganz natürlich, abgeschlagen. Nun galts wieder Ringens und Beten zum Herrn. Oft bin ich in der Dämmerung aufs Feld gegangen, bin auf meine Knieen gefallen vor Gott und habe den Boden mit Thränen benetzt und ihn gebeten, er wolle doch in meiner Stelle und für mich wählen, und mich nicht irren lassen und siehe, er hat mich unbeschreiblich gnädig erhört.

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