Lebenslauf von Gerta Epp geb. Isaak (1899-1988)

Mein Lebenslauf

 

Gerta Epp, geborene Isaac, (1899-1988) wurde in Köppental, Gouvernement Samara, einer mennonitischen Siedlung Am Trakt, geboren und aufgewachsen. In ihrem Lebenslauf erzählt sie über ihre Kindheit, Jugend, Familienleben. 1930er Jahre lebte sie mit ihrer Familie im Verbannungsort Kotlas, Gebiet Archangelsk. Ihr Mann wurde 1937 festgenommen.. Nach der Rehabilitierung der Deutschen in der Sowjetunion 1964, fuhr sie  nach Kasachstan zu ihrem Sohn Artur.

 

„Mein Vater war Cornelius Fr. Isaac, geb.1852 d. 27 August, gestorben d.3.Januar 1923. Meine Mutter Katharine, geb. Neufeld, geboren dem 15. Oktober 1864 – gestorben dem 13.März 1939.

Die Eltern traten in die Ehe am 22. März 1887 in Wernerdorf, Deutschland. Sie hatten 13 Kinder, davon starben 5 von klein, 8 wurden groß:

 

  1. Lili – geb. den 22. Juni 1890 – gestorben den 8. Februar 1949
  2. Käthe – geb. 1891 – gestorben 1938
  3. Anna – geb.den 11.November 1892 – gest. August 1910
  4. Erna – geb. den 10.November 1893 – gest. Oktober 1908
  5. Cornelius – geb. den 31. Dezember 1895 – gest. den 19.Mai 1921 (erschossen) – seine Frau Margarete Neufeld geb.1895 – gest.1958
  6. Gerta – geb. dem 10.August 1899 – gestorben am 01.03.1988
  7. Emilie – geb. dem 19. November 1900 – gest. den 19. Juni 1985
  8. Auguste – geb. dem 12.März 1901 – gest. den 3. November  1932 in Kropotkino

 

Wir, 8 Kinder wurden von unsern lieben Eltern mit viel Liebe und Geduld, aber auch streng und christlich erzogen. Wir hatten eine sehr schöne Kind- und Jugendzeit, überhaupt wir 3 „Kleinsten“, wie sie uns nannten, hatten auch viel Liebe von unseren ältesten Schwestern. Ein großer Schmerz war für uns, als die beiden Schwestern Anna und Erna starben. Noch ganz besonders gedenke ich nach so vielen Jahren, wie Erna starb: wir standen an ihrem Bett, die Sonne schien zum Fenster hinein, da sagte sie: „richtet mich auf, ach die liebe Sonne! bald holen die Engel mich heim“, – wie schön und freudig ging sie heim! Möchte mein Sterben so freudig sein!

Unsere Mama war viel ungesund, so dass unsre älteren Schwestern uns viel lernten. Dann kamen unsre Schuljahre, ich ging von 7. Jahren, ein Jahr später Milusch und dann auch Gustchen, unsere Kleinste, die wir alle sehr liebten wegen ihrem Frohsinn. Mit unsre lieben Freundinnen, Greta und Liesel, gingen wir täglich zusammen zur Schule, jeden Morgen kamen sie zu uns an und im Winter da rief mein Papa: „Kinder, es ist vorgefahren!“ – da liefen wir alle raus, da stand der Arbeiter mit Schlitten und Pferd, wir setzten uns mit Freude hinein. Bei großer Kälte oder Schnee wurde noch eine Decke über unsere Köpfe gebreitet und mit Lachen fuhren wir zur Schule, die am Ende unseres Dorfes Köppental stand, abends wurden wir wieder abgeholt. Das lernen ging uns allen gut, hatten gute Lehrer, die wir liebten und gehorchten. Lehrer Wulf, Lehrer Nickel, Lehrer Funk, Lehrer Wiens und Lehrer Flegler. Kamen wir nach Hause, so lernten wir erst unsere Schulaufgaben und dann durften wir spielen oder aufs Eis gehen und Schlittschuh laufen. Aber morgens, ehe wir zur Schule gingen, mussten wir immer erst unsere Stuben aufräumen und die Betten machen: „Ordnung musste sein“. Der Winter war schön, aber die Sommerferien noch schöner. Aber erst waren noch die Weihnachtsferien, die geheimnisvolle Adventszeit, wo wir die vielen schönen Weihnachtslieder einübten, Sprüche und Wechselgespräche lernten und dann den schönen heiligen Abend in der Kirche mit dem hohen schönen Weihnachtsbaum feierten, im Stall von Bethlehem lag das Jesus Kind, das für uns alle geboren ist, zur Erlösung von unseren Sünden. Und dann zu Hause die schöne Weihnachtsfeier, die uns unsre liebe Eltern bereiteten. Mit viel Lob und Dank muss ich jetzt zurück blicken auf die schöne Zeit!

In den Sommerferien, im schönen Mai, besprachen die Lehrer es mit den Eltern, die gaben mehrere angespannte Wagen und alle Schulkinder, Lehrer, ältere Geschwister und Eltern, (wir Kinder schmückten die Wagen mit Grünem) fuhren mit frohem Gesang durch das Dorf und Wiese, bis in den Lindenauer Graben, wo wir dann den ganzen Tag spielten, sangen, aßen und Tee tranken aus den Samowaren, in den Gräben die Maiglöckchen suchten und glücklich mit Gesang wieder nach Hause kamen: Ein herrlicher Tag! schönes Andenken! Wir sangen „Dich, mein Köppental, grüß ich tausend Mal“ und viele andere schöne Lieder. In den Sommerferien durften wir nicht bloß spielen und tollen, – nein, wir mussten auch alle Tage was helfen, im Garten jäten, hacken, die Wege im Garten jeden Sonnabend korrekt fegen, am Abend die vielen Blumen und Gurken gießen, dazu hatten wir kleine Eimer und schöpften das Wasser aus unserm kleinen Flüsschen, waren wir damit fertig, liefen wir an die süße Stachelbeeren, aßen uns satt und spielten wieder mit unsre liebe Greta und Liesel. In den Sommerferien lernten wir auch die schönen Lieder auswendig: „Befiehl du deine Wege, wer nur den lieben Gott lässt walten“, „Gott des Himmels und der Erden“, und noch mehrere andere, – die ich auch in meinem ganzen Leben nicht vergessen habe. Die Schwestern lernten uns auch häkeln und ausnähen. Da hatten wir im Garten eine hohe dichte Birke , da machten wir uns oben ein Bänkchen fest und ein Kästchen, das die Knäulchen nicht runter fielen und so saßen wir da oben ganz versteckt und häkelten. Sahen auch wie Mama im Garten rum ging und suchte uns, wir waren still, – bis sie anfing zu rufen: Kinder, wo seid ihr?“ – endlich kicherten  wir da oben, aber sie konnte uns nicht sehen, – das war ein Vergnügen für uns! – bis wir uns mit lautem lachen meldeten.

Von 7. Jahren konnte ich schon melken, und als dann Milusch auch lernte, so hatten wir jede unser Stühlchen und kleinen Eimer, setzen uns jede an eine Seite an der großen schönen Kuh mit dem vollen Euter und melkten jeden Abend draußen und die Leute gingen vorbei und freuten sich mit uns. 7. Jahre ging ich zur Schule. dann musste ich in der Küche helfen kochen und den Brotteig im Brottrog kneten und backen lernen.

Als ich 15. Jahre alt war, gingen Milusch und ich und unsere Freundinnen zur Lehre, wo wir Katechismus, Sprüche und unser Stundenheft lernten, am Himmelfahrtsfest wurden wir in unsrer Kirche geprüft, und dann Pfingsten zweiter Feiertag von unserm Ältesten Onkel Peter Wiens getauft wurden. Es war mir heiliger Ernst als ich versprach treu zu bleiben und mein und mein Gedenkblatt bekam mit dem Spruch: Ps, 73, 25.“Wenn ich nur Dich habe so frage ich nichts nach Himmel und Erde“. – Wir hatten immer schöne Sonntage, erst gingen wir mit Eltern zur Kirche und Nachmittag hatten wir immer mit Onkel Johannes Quiring Singstunden, wenn er Pause machte, so las er eine schöne Christliche Geschichte vor, und dann übten wir wieder, wir liebten die Singstunden sehr, an den Feiertagen sangen wir unsre eingeübten Lieder in der Kirche im Chor für die Gemeinde vor. Unsre liebe Eltern stellten uns an alle Arbeiten an zu helfen, aber niemals spät arbeiten, sie liebten Feierabend machen, wir auch, im Sommer setzen wir uns dann alle auf den „Beischlag“, sangen Lieder oder die Eltern erzählten was. Im Winter liebten wir die Dunkelstunde. Mama ging erst bisschen in die frische Luft, und Papa mit uns setzten uns in die große Stube an den warmen Ofen, die Schwestern spielten auf dem Harmonium, wir sangen, dann kam Mama zurück, ihr Lieblingslied war „Alles wohl“, – dann erzählten die Eltern noch was Schönes, und dann wurden die Lampen angesteckt und jeder ging an seine Handarbeit oder wir lernen und spielen.

Unser Papa hatte eine große Wirtschaft und auch einen Laden in unserem großen schönen Wohnhaus, auf einem Ende. Mein Papa war ein ehrlicher, frommer Bauer, alle liebten und ehrten ihn, die Arbeiter und auch die Kunden im Laden. Was die  Leute an ihm bestellten, dass brachte er ihnen mit von Saratow: die vielen schöne Weihnachtsbäume, die die Leute bestellen, brachte er alle mit. Bei ihm war „ein Mann – ein Wort!“ Sie lebten glücklich und zufrieden. Doch jetzt kamen die Jahre, wo es heißt, – sie gefallen mir nicht und ich möchte nicht viel davon erwähnen, denn sie waren so traurig und schrecklich:1917-18-19-20-21 – Krieg, Aufstand, Tod, Hunger und Elend. Papa seine schöne Pferde tänzelten auf der Straße und wurden in den Krieg geführt, dass uns Kindern die Tränen in die Augen kamen. Die jungen Männer und Jünglinge, darunter Schwester Käthe ihr Mann (Julius Wiens) und mein Brüder Corne auch waren (wie viel Tränen flossen dann) mit Gebete und dem Lied „Gott mit Euch bis wir uns Wiedersehen“, reisten sie aus der Heimat. Ob sie alle gesund wieder zurückkamen, weiß ich nicht mehr. Schwager Julius kam gesund nach Hause, und Bruder Cornej hatte sich im Dienst bekehrt, seinen Heiland gefunden und kam als liebender Sohn und Bruder wieder in unsre Mitte. Dann heiratete er, seine Frau hieß Margarete Neufeld von Ostenfeld. Papa gab ihm eine Wirtschaft mit Vieh und allem, was nötig war. Sie lebten glücklich, doch nur eine kurze Zeit. 1921 war ein Aufstand, wo mehrere Männer aus unserm Dorfe erschossen wurden, den 19. Mai, darunter war auch Bruder Cornej. Den Schrecken und Schmerz kann ich nicht beschreiben. Das war ein furchtbarer Schlag für meine alten Eltern, für die Frau mit 3 Kinderchen und uns Geschwistern. Doch den schönen Trost hatten wir, dass er bekehrt war, und zum Heiland ging, wo wir uns alle Wiedersehen wollen! Das schenke der Herr uns aus Gnaden! Die Erschossenen liegen alle zusammen im Massengrab, hinter unserm Kirchhof in Köppental begraben. Von diesem Schrecken hatten wir uns noch nicht erholt, da kam wieder ein großer Schlag, – Papa, Mama und wir, drei Schwestern, die wir noch waren: ich, Milusch und Gustchen, mussten unser liebes, schönes Elternhaus verlassen, – musste ausziehen. Wie weh, wie weh tat das, wie viel Tränen flossen wieder: der schöne Garten, das liebe Haus, mit den vielen lieben Erinnerungen verlassen! Dem Herrn sei Dank! Schwester Lili und Schwager Johannes nahmen uns zu sich. Ich muss noch mal etwas zurück gehen, ehe dieses geschah, 1921 in der Silvesternacht brannte unsre liebe Kirche ab, sie stand nicht weit von unserm Elternhause. Wir waren alle in der Kirche , lobten und dankten für das verflossene Jahr, wir Sänger oben im Chor gesessen, und niemand hat es gemerkt, dass es auf dem Boden schon brannte, wir gingen nach Hause, und um 1.Uhr Nachts klopfte jemand ans Fenster und sagte: „Die Kirche brennt!“ Wir konnten es gar nicht glauben, liefen raus, da stand sie schon ganz in Flammen. Die Menschen kamen gelaufen, aber da war nichts zu machen, sie brannte von innen, da konnte keine Bank, kein Stuhl, kein Buch mehr gerettet werden, das Dach stürzte ein, die Kronleuchter fielen klirrend runter, dass wir es hörten, wir standen alle ganz still , weinten und beteten, da war nur Stille rundum, nicht so, wie sonst am Feuer Lärmen und Schreien ist. Durch unvorsichtiges heizen ist das Unglück passiert, niemand hat auf dem Boden nachgesehen, denn es war das arme Jahr, und keine Kohlen waren, wurde mit Akazienstrauch geheizt, und nicht aufgepasst. Am Neujahr Morgens kamen die Leute aus den nächsten Dörfern zum Gottesdienst gefahren und waren erstaunt und erschreckt, als sie nichts als kahle, schwarze Mauern sahen, keine Kirche mehr! Konnten sie auch nicht mehr aufbauen. So feierten wir Neujahr in Onkel Johannes Friesen seinem Hause. Später in Tante Barbara ihrem Hause die Andachten alle gehalten. So wohnten wir jetzt bei Schwester Lili, wir helfen ihr im Garten und in der Wirtschaft, aber wir bangten uns sehr nach unser Heim, es war so heimatlos für uns, gingen wir Mal in den Garten nach Hause, da sahen wir unter Tränen, wie alles verstört und verwildert war, die schönen jungen Obstbäumchen die wir besorgt und gepflegt hatten, waren von den Hasen Rundum angefressen und vertrockneten, das Haus war zum Kindergarten gemacht, später wurde es zum Krankenhaus umgeändert, und auch jetzt soll es noch so sein, ich wäre sehr gerne noch Mal in meine Heimat gefahren, doch bin nicht mehr dazu gekommen! Schwester Milusch mit Robert Eck feierten hier, bei Schwester Lili ihre Hochzeit, im kleinen Kreise der Verwandten, wurden von Onkel Joh. Töws getraut. Zogen dann zu Schwester Käthe, bis sie ihr eigenes Haus bekamen.

Unser lieber Papa wurde in der Zeit sehr krank, er war im Winter auf dem schmalen Fußsteig im Schnee durch den Garten nach Dietrich Friesens gegangen und den Fuß etwas verstaucht, aber wenig Acht darauf gegeben, nichts gemacht, es wurde aber immer schlimmer, schließlich fuhr Mama mit ihm nach Alt-Warmburg ins Krankenhaus, dort machten sie Operation, die aber nicht glückte, sie hatten eine Sehne durch geschnitten und das Bein zog sich krumm . Der liebe Papa hat sehr viel große Schmerzen ausgehalten, das er oft laut schrie. 11 Monate lag er fest im Bett, jeden Morgen setzte Schwager Johannes ihn in den Sessel, ich wusch die Wunden aus, verband sie frisch und wir legten Papa wieder ins Bett, beim letzten, den 3. Januar, ich war grade fertig verbinden, platzte eine Ader am Fuß, er legte den Kopf zurück und der Atem ging aus. Wie viel Mal in seiner schweren Krankheit betete er: „Mein Gott. mein Gott, ich bitte durch Christi Blut, mach’s doch mit meinem Ende gut!“. Nun war sein Lauf beendet – möchten wir uns Droben alle wiedersehen! Den 6. Januar war das Begräbnis. Ich musste mich in meiner späteren Jahren immer beschuldigen, dass wir, Schwestern, Papa so wenig vorgesungen haben, gewiss hätte es ihm vielleicht etwas abgelenkt von seinen großen Schmerzen, aber rund um war alles so schwer, da ging auch das Singen nicht. Da muss ich so oft daran denken, das sind unsere Unterlassungssünden: ich wollte und wollte und habe es nicht getan: „Treuer Heiland, vergib, vergib!“

Dann heiratete unsre Jüngste Schwester Gustchen mit Herbert Penner. Die Hochzeit war in Frösenheim bei Herberts Eltern, ein große schöne Hochzeit. Sie wohnten auch da (in Frösenheim), jung, glücklich froh und zufrieden, doch ach ihr Glück war nicht auf lange, mussten in der  ganzen Welt rumziehen. Es waren eben die schwere, schwere Jahre.

Nun waren Mama und ich in unserem Stübchen bei Lili allein geblieben. Mama war noch immer schön gesund, aber ich bekam das Fieber, woran ich lange leidete, so dass ich sehr mager und schwach war, musste so viel Chinin schlucken und es half alles nicht, bis ich alles aufhörte und Mama mir jeden Morgen am Bett eine Tasse Wehrmut-Tee brachte, die ich auf nüchtern Magen trinken musste, das half, nach und nach verließ mich das Fieber und ich wurde gesund. Dann lernten Bruno und ich uns kennen und lieben, versprachen uns die Treue. Bruno ging zu Mama und bat um mich. Mama gab die Einwilligung und ihren Segen. 1924 den 1. Mai feierten wir unsern Verlobungstag im Epp’s Hause. Franz Quiring verlobte uns. Es war ein wunderschöner warmer Maitag. Der Garten war schon fertig besorgt, es grünte schon alles, wir saßen als glückliches Brautpaar oben im Garten in der Laube und rund um zwitscherten die Vögelchen ihre lustigen Lieder, es war so feierlich schön! 3 Wochen spazierten wir bei allen Verwandten, und den 23. Mai war unser Hochzeitstag. Getraut von Franz Quiring im Andachtshause bei Tante Barbara Klassen. Unser Trautext ist Römer 1, 16. Nun hatten wir uns die Treue versprochen bis uns der Tod scheidet. Glücklich gingen wir aus dem Andachtshause, es wollte etwas regnen und sollte doch in meinen Kranz und Schleier nicht rein regnen, so bogen wir schnell bei Peter Epps ein (Nachbarn), aber er regnete nicht und wir kamen an unser Haus, wo der Chor stand und uns begrüßte mit dem Lied:“Gott, grüße dich!“. Es war so feierlich! Dann ging es an den Hochzeitstisch, der schön und reichlich besetzt war von allem, nur nicht Wein – das war bei uns nicht Sitte. Die Jugend spielte und sang den ganzen Abend, dann wurde mir mein Kranz und Schleier abgenommen und mein lieber Mann brachte mich nach Hause zu Mama, fragte noch: „Wann kann ich dich holen?“ – ich sagte: „Morgen!“ Den Abend vor der Hochzeit, Polterabend hieß er, sagten mehrere Gedichte auf  und wir bekamen viele Geschenke. Nachmittag kam mein lieber Mann mit dem Wagen, fuhr meine Sachen fort und kam dann selbst mich holen. Ich nahm Abschied von Mama, nun ließ ich sie allein zurück, aber sie war ja bei Lili. Mama sagte: „Der Herr segnet deinen Ausgang und Eingang!“ Abschied!

Nun fing ein neuer Abschnitt in meinem Leben an. „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“ (Mt. 28, 20.) – daran habe ich mich in meinem Leben oft gehalten. Die Familie war groß: die Schwiegereltern, Wilda, Justinchen, Neumans Kinder: Weisen – Lenchen und Franz, oft von Elsa ihre Kinder, noch das Dienstmädchen, Bruno und ich: da heißt es kochen und backen, melken und einen schönen großen Garten besorgen, da war Arbeit für alle. In einem Verse heißt es:“Beklage nicht den Morgen, mit seinen Müh und Sorgen“ – es ist so  schön zu sorgen, für Menschen, die man liebt! Aber ich habe nie geklagt oder gemuht für die viele Arbeit, nein, es ging mir immer gut. Freute mich immer, wenn Schwiegervater mir auf die Schulter klopfte und sagte:“Gerta, Danke, es schmeckte sehr gut“. Er, auch Bruno, arbeiteten in der Fabrik und kamen immer zum Mittagessen, um 12.Uhr  musste es fertig sein. Den Tag über war Arbeit, aber abends, wenn ich fertig war, sagte ich:“Bruno, komm, wollen noch bisschen zu Mama gehen, ich bange mich“ Die erste Woche Gingen wir jeden Abend zu Mama, dann gewöhnte ich mich. Am Sonntag gingen wir immer zur Andacht. Sonntag Morgen kam Elsa mit ihren Kindern von Frösenheim gefahren, Mascha mit ihren Kindern von Lindenau, aßen Frühstück und gingen alle zur Andacht, dann aßen wir alle zusammen Mittag, es wurde gespielt, gesungen, erzählt, Tee oder Kaffee getrunken, und alle fuhren froh nach Hause. Ich hatte am Sonnabend schon immer reichlich Kuchen gebacken, der Mittag halb zubereitet, um das am Sonntag nicht viel Arbeit damit war.

Die Weihnachtsbescherung hatten wir in meinem Elternhause immer am Heiligen Abend, wenn wir aus der Kirche kamen, hier bei Epp’s feierten wir am Weihnachtsmorgen, alle Kinder und Großkinder kamen früh gefahren und wir feierten sehr schön frohe Weihnachten, immer einen schönen Baum und für alle Geschenke und Süßigkeiten. Wie schön, wenn in der Familie alle eines Sinnes sind, alle den Heiland liebten, Ruhe, Einigkeit und Frieden ist.

1925 schenkte der Herr uns ein Töchterchen, den 1. August, wir nannten sie Adina. Wir waren alle glücklich und froh, aber die große Freude war nicht auf lange, denn ich hatte Zug bekommen und mir riss die Brust zusammen und ich hatte furchtbare Schmerzen, dann kam noch ein Unglück dazu, Justinchen wusch die Fenstergardinen und stach sich mit einer Nadel in die Hand, dieselbe wurde sehr schlimm, nun musste auch sie solche Schmerzen aushalten und ich musste mich beschuldigen, denn ich hatte genäht und die Nadel hineingesteckt, das war mir eine Lehre für mein ganzes Leben, niemals eine Nadel schnell wo rein stecken, nicht an den richtigen Platz. Ich wünschte und betete, wenn nur Justinchen ihre Hand bald bessert, ich will schon noch aushalten. Gott sei Dank, Justinchen ihre Hand wurde besser, aber ich musste 3. Monate Schmerzen aushalten, bis ich endlich gesund wurde. Schwiegermama hat mich sehr gut verpflegt und bedient und noch das Kind dazu. Mit Gottes Hilfe und Beistand wurde alles gut und ich konnte wieder alle Arbeiten besorgen. Wilda war in dieser Zeit nach Auli-Ata spazieren gefahren. So ging der heiße Sommer rum, mit allen Arbeiten. Adinchen war unser aller Liebling, aber sie war nur schwächlich.

Dann starb Neumann Franz, der bei uns war, und dann starb der Schwiegervater, er war nicht besonders krank, ging noch oft mit Bruno in die Werkstube, wusch sich den letzten Morgen noch in der Küchenstube, legte sich ins Bett und starb ganz ruhig, Das Dienstmädchen und ich waren auf dem Felde und hackten die Kartoffeln, da kamen sie und riefen mich – „Papa ist gestorben“,- ich habe den Datum vergessen. Dann ging alles seinen alten Gang so weiter.

Justinchen war viel bei Elsa (die ohne Mann war)  und half ihr in der Wirtschaft und bei den Kindern, ihrer waren vier: Leni, Lili, Wanja und Peter. Wilda fing für Fremde an zu nähen, das tat erst die Schwiegermutter. Wilda nahm sich Schneidermädchen an, die bei ihr nähen lernten, und ich hatte die Wirtschaft und den Garten. Bruno fuhr in den Sommermonaten mit Dreschmaschine und Motor in den Dörfern die Frucht dreschen, am Sonnabend kam er nach Hause und den Sonntag verlebten wir schön gemütlich zusammen.

1927 den 4 Februar schenkte der Herr uns das 2. Mädelchen – Waltraute, das war wieder ein Freudentag, Gott sei Dank! Alles war gut! Sie war kräftiger als Adina und holte sie bald ein, so waren sie immer meist gleiche groß, aber sie war dicker und immer rote Wangen und sehr froh und aufgelebt. Wir kleideten sie immer gleich, beide hatten helles Haar, zur Schule gingen sie mit schöne Zäpfchen. Alle hatten große Freude an den lieben Mädels.

1928 den 3.April schenkt der Herr uns ein Söhnchen, wir nannten ihn Helmut. Er war auch nur klein (aber wurde später ein großer starker Junge, höher als Bruno).Er war nicht so gehorsam wie die Mädels, mußten viel strenger mit ihm sein. Von Wilda hat er viel Schläge bekommen, da sie beschäftigte sich viel mit den Kindern, ich hatte so viel mit der Wirtschaft und Garten zu tun. Und war er unnütz und sollte abbitten, daß tat er nicht und wenn sie auch 1. Stunde mit ihm damit zubrächte, es half nichts, und so ist er auch groß geworden, doch ich gebe die Hoffnung noch nicht auf, den lieben Heiland wird er doch noch Mal abbitten müssen! Das ist mein Bitten und Flehen, so lange ich lebe!

1929, im Herbst, machten Bruno und ich noch eine schöne Spazierreise nach Aulie-Ata, zu Epps Freundschaft, die Kinder ließen wir alle Drei zu Hause. Eine sehr schöne Gegend mit schönen Obstgärten, die hohe Berge, oben lag immer Schnee, wie wir dann, eine schöne Gesellschaft zusammen, auf kleine Kirgisenpferden in die Berge ritten, ganz schmale Stege, wo nur 1. Pferd gehen konnte, zur eine Seite hohe Felsenwand, zur anderen Seite steiler tiefer Abgrund! Mir riefen sie zu: „Gerta, sieh nicht hinunter, sieh zur anderen Seite“, es war schauerlich!, sich nur auf das Pferd verlassend, das dann alle 4. Füße zusammen stellte und kurz um die Felsenwand um die Ecke ging. Es war noch eine Tante mit mir, die anderen waren lauter Männer. Wie hat uns doch da der Herr behütet, das wir alle gesund und wohl zurück kamen! Eine schöne Reise! Das war ein Tag. Um paar Tage wollten die Männer wieder reiten, aber auf paar Tage bleiben. Ich war nicht recht gesund, so blieb ich zu Hause, war mir aber schade! Sie nahmen wieder Kirgisenpferde und ein Kamel, welches sie mit Lebensmittel und Nachtlager belasteten und ritten ab. Ich habe nur vergessen, wie viel Mann sie waren. Nach drei Tagen kamen sie zurück und hatten viel erlebt, viel zu erzählen, das Kamel war ausgeglitten und runtergefallen und in einer Spalte stecken geblieben, es konnte nicht mehr rauf kommen und fiel auch nicht weiter bis unten, nun es waren erfahrene Menschen, erst befreiten sie das Kamel von aller Last, dann (es war gefährlich und mühsam) hacken die Männer von beiden Seiten von den Wänden ab, bis endlich das Kamel runter viel. Es war tief, aber unten war grünes Gras, das Kamel stand auf und fraß Gras und alles war gut. Sie ließen es dort weiden und kamen ihren Weg nach Hause, alle wohl und munter, nach paar Tagen holten die Kirgisen sich das Kamel selbst nach Hause. Uns waren die Verwandte alle fremd, aber alle nahmen uns sehr freundschaftlich auf, es ging uns sehr gut, eine schöne Reise!

Als wir nach Hause kamen, waren Kinder, Mutter, Wilda – alle waren gesund und wohl. Bruno sagte dann: „Gerta, jetzt werden wir jedes Jahr irgend wohin spazieren fahren, nicht bloß immer zu Hause sein und arbeiten. Alle Verwandte besuchen wir!“ Ja, der Mensch denkt und Gott, der Herr, lenkt! So ging es auch mit uns. Wie glücklich und schön konnten wir von unserer Spazierfahrt erzählen, dann kam die Advents- und die schöne Weihnachtszeit, die wir noch froh und glücklich alle zusammen, wie immer, feierten. Im Silvesterabend, als wir mit Gott, dem Herrn, aus dem alten Jahr gingen, mit Lob und Dank für alle Hilfe und Beistand in jeder Lage uns schenkte. Und mit Gott auch wieder ins neue 1930. Jahr eintraten und nicht wussten, was es uns bringen würde, ob Freude, ob Leid? Gut, dass wir nicht in die Zukunft schauen können!

Im Februar, wie ein Blitz aus freiem Himmel, kommen mehrere Männer herein, machten gleich fest zu, und keiner von uns durfte raus gehen, sahen sich in unserer großen Stube um undfragten, welches meine und Brunos Sachen seien, schrieben alles auf, Kleiderschrank, Kommode, Harmonium, 2. Tische, Stühle, Regalen, 2. Bettställe mit allen Betten. Gaben uns nur jedem 1 Palto (Mantel), Kleider und Wäsche zum einmal umzuziehen. Nichts dürften wir anrühren, so voll, wie Kommode und Schrank war, wurde alles raußgetragen, der Schlitten stand, aufgeladen und weggefahren. Nur das Kinderbettchen und Wiege war geblieben. Bruno und ich standen in der leeren Stube, von allem los! Ich dankte Gott dem Herrn, daß Bruno noch da war, ich hatte solche Angst, sie würden ihn mitnehmen. Abends ging Bruno in den Stall, holte einen Arm voll Stroh rein, legte es in die Stube auf die Erde, Kissen gaben uns die Geschwister, mit die Mantels deckten wir uns zu (jeder hatte Angst, es würde wieder genommen). Wilda, Justinchen und Mamas Sachen waren nicht genommen. Die Feder kann dieses nicht alles beschrieben, was wir durchgemacht haben, doch nur der liebe Heiland weiß es und gab uns Kraft von Oben alles in Schuld zu tragen und stillte unsere Tränen, Nach 2. Tagen mussten wir alle in das leere Neumannshaus ziehen. Mutter lag schwer krank, sie wurde grad so im Bett nach Tante Justine gefahren. Wieder ein Abschied aus dem Hausse und Garten mit den vielen lieben Erinnerungen. Adinchen und Helmut waren auch krank, so lebten wir in diesem  Hause bis zum 10. März. Da kam noch ein größerer Schlag, wir waren grade erst aufgestanden, da kamen wieder Paar Männer und sagten: „Macht euch fertig, dass ihr in 2. Stunden fertig seid, ihr werdet weggefahren“. „Ich kann doch die kranken Kinder nicht mitnehmen!“ – ich dachte sie ließen sich vielleicht erbitten, aber nichts, keine Rede“. Da kam Wilda und sagte: „Ich halte die Kinder hier!“ Da sagten sie: „So, komm mit und unterschreibe, dass du sie versorgen wirst, dass wir damit nichts zu tun haben“. Wilda fuhr mit und unterschrieb. Wir waren alle sehr zerstreut, wir hatten ja nichts, alles war weg, einmal umzuziehen, Kissen und Decke gaben die Geschwister, im Körbchen lagen 3. Teller, 3. Löffel und Gabel, paar Tassen, kein Kochgeschirr, keine Produkte, kein Brot war im Hause, kein Mehl, Bernhard Thiessen brachte uns ein Brot, das war alles, was wir mit hatten. Justinchen kam und brachte ein Kostrolchen (Kochtöpfchen) voll Schmalz und sagte: „Das hast du, Gerta, zum kochen, daran hat keiner gedacht, so Kopflos waren wir alle. Draußen taute es sehr, alles stand voll Wasser, ich hatte Filzstiefeln an, ich weiß nicht, wer mir die Galoschen dazu gab, das war mein Glück! Bruno und ich liefen noch bis zu Tante Justine und sagten Abschied von unserer kranken Mama, und von meiner Mama konnte ich nicht Abschied nehmen, wir mussten fort, sie eilten. Waltrautchen nahmen wir mit, Helmut und Adinchen gedrückt und geküsst, die Geschwister, und fort ging es, mit viel Tränen aus unserem lieben Köppental. „Wohin?“ – in die weite Welt hinein, – der liebe Gott weiß es. – Warum? – die Feder kann unser Elend nicht beschreiben. O, Heiland, gib uns Hilfe, gib uns Kraft!

So führen wir bis Lisanderhöh, da waren noch Johannes und Lenchen Penner aus Frösenheim

mit 4. Kinder: Heinrich, Anita, Viktor und Johanneschen, ein Brustkind, da saßen auch im Schlitten zum wegfahren, mit uns zusammen, wir, 2. Familien vom ganzen Trakt. Da hieß es: „Ihr könnt 32. Pud auf die Familie mitnehmen“. Wir hatten doch nichts mehr. Da kam Schwager Herbert an den Schlitten und fragte: „Was habt ihr mit?“ , – „Nichts“ So lief er weg ins Dorf und brachte 1. Sack mit Mehl, 1. Sack Kartoffel und 1. geräucherter Schinken für 2. Familien zusammen. Und das musste alles so schnell gehen, dass wir doch ohne Brot wegfuhren, jeder hatte Angst uns was zu bringen. So fuhren wir bis nach Krasnyj Kut, dort war eine große Schule schon voll Menschen, aus den Kolonistendörfern, die hatten aber ihre Sachen alle mit und viel, viel Produkte. Wir mussten auch noch darein, kein Platz zum stehen oder sitzen. Da waren wir paar Tage. Johann P. lief an das Telefon und sprach nach Lisanderhöh und bat, sie möchten uns doch Brot bringen, aber alles vergebens, kein Mensch ließ sich sehen, oder brachte was. Lenchen hatte ein leeres Tarinchen, so kochten wir zusammen Kartoffeln und Klops und braten bisschen Fett, aßen und dann wurden wir in die Vieh-Wagonen eingeladen, da waren 2. Regalen gemacht zum schlafen, 40 Mann in einem Waggon, zum ersticken, lagen dicht bei dicht, wenn rum drehen, dann mussten wir uns alle umdrehen. Die Türe fest zu, 1. Eimer voll Wasser für uns alle zum trinken. Lenchen ihr kleines Kind war krank, unruhig, hatte sehr den Durchfall, hatten kein Wasser zum Windel waschen, welch ein Jammer! Wie flossen da die Tränen – der Heiland half und ließ das Kindlein sterben, aber welch ein Schmerz für die Eltern an der ersten Station war es schon angemeldet und es kamen zwei Milizionäre und holten das tote Kindlein aus Lenchens Armen und sagten: „Machen Sie sich keine Sorgen, ihr Kind wird begraben.“ Die Türe klappte zu und wir fuhren weiter. Manchmal, wenn der Zug wo etwas anhielt, baten und klopften wir an der Tür: „Macht doch auf und gebt uns frische Luft“, – da machten sie einen kleinen Spalt auf und wir Frauen, nahmen schnell unsere Kinder auf den Arm und ließen sie an der Türspalte bisschen frische Luft atmen. Zu mir sagten sie immer:“Du bist eine Rabenmutter, hast deine Kinder zu Hause gelassen, uns fahren sie jetzt nach D./Deutschland-Red./ – und du bekommest deine Kinder nicht mehr zu sehen“. Aber Johannes Penner und Bruno sagten gleich, dass wir nicht nach Deutschland kommen, aber nach dem Norden, Und so wurde es auch. Ich dankte Gott, dass ich die kranken Kinder nicht mit hatte. Bruno sagte „Kommen wir wo auf einen Platz, dass wir leben können, dann bekommen wir auch unsere Kinder“.

So fuhren wir mehrere Tage bis wir nach Kotlas, in den Wald kamen, da hielten sie mit ein mal den Zug an, machten die Türen auf und: „Aussteigen!“ Mitten im tiefen Schnee im Wald, – keine Station, kein Haus war zu sehen. (6 km war das von Kotlas entfernt, heiß Makaricha). „Ausladen!“, wir hatten noch in Lisanderhöh einen großen Bannschuk (âîéëîê) zusammen bekommen, das war noch unser Glück, den legten wir auf den Schnee und unser bisschen Sache darauf und die Kinder setzen wir oben rauf, es war hier noch kalter Winter. Die Leute gingen und trugen ihre Sachen, – „Wohin?“, – niemand weiß was. Johannes Penner und Bruno gingen hinter her, Lenchen und ich blieben bei den Kindern. Es dauerte mir zu lange und ich ging hinter an. Eine große Baracke voll Menschen. Ich suchte rum, endlich fand ich sie, beide saßen auf einer Polate (Pritsche). Unten und oben Eis und Schnee – ganz verzagt und „kopflos“ – hier müssen wir sterben. Als wir uns ein bisschen beruhigt hatten, blieb ich da, um den Platz zu halten und Johannes und Bruno holten denn Leinchen und die Kinder und Sachen her. Wir kratzten Eis und Schnee ab, legten den Banschuk darauf und unsere Sachen, unsere Betten, legten uns ohne auszuziehen hin, deckten uns zu und schliefen alle in einer Reihe, aber nicht so enge, wie im Zug, das war unsere Wohnung, kalt, das Dach war mit Tannenstämchen schräg bestellt und mit Sand beschüttet, 2 Palaten , wir waren unten, wo wie die obersten Menschen sich bewegten, streute der Sand auf uns, und das bisschen Essen knirschte, oder sie gossen Wasser aus und es kam auf uns sogar das Nachtgeschirr stülpte das Kind oben um und auch das kam auf uns. Wie viel Tränen sind da geflossen und Seufzer und Gebete um Hilfe sind aufgestiegen, das weiß nur der liebe Gott allein und der uns auch immer wieder Kraft und Geduld gab weiter zu leben. Jeden Morgen mussten wir früh aufstehen, die Kinder aus dem Schlaf nehmen und auf den freien Platz gehen, zählen, aufgerufen. Mehrere Tage ging es so weiter, dann wurden alle Arbeitsfähige Männer, Frauen, Jünglinge abgelesen und weiter geschickt zu Fuß im tiefen Schnee im Wald nach Ochtuma, Dort sollten sie für die Familien Häuser bauen. O, welch ein Schmerz, Johannes und Bruno gehen lassen und wir mit den Kindern im solchem Elend zurück bleiben, Lenchen 3. Kinder: Heinrich, Anita und Viktor, und ich hatte Waltraute, Es war sehr schwer für uns, so kalt, nur 3. Blechöffchen waren in dem großen Baracke voll Menschen und die waren immer voll bestellt mit Kochgeschirr. Wir suchten uns ein Paar Steine und stellten unser Terinchen darauf, aber zum kochen bekamen wir es lange nicht, denn die Spänchen, die wir sammelten waren doch alle nass, da wurde gesagt, es sei irgendwo ein Holzplatz. aber sie geben nichts. Ich wusste mir keinen Ausweg mehr, Lenchen war so oft krank, die Kinder so hungrig… . Ich ging Holz suchen, betete von ganzen Herzen um Hilfe, endlich kam ich an den Platz, da stand ein Wächter. „Was willst du?“, fragte er. Ich sagte: „Bitte, gib mir doch bisschen Holz, das ich für die Kranke und für die hungrigen Kinder kochen kann“. „Da, nimm dir“ – sagte er. Ich bog mich, um das erste Stämmchen, was da lag aufzuheben, – „Er, nimm dieses hier, das ist trocken, jenes ist nass“. Ach, war ich froh! Bedankte mich bei ihm, und noch mehr beim lieben Gott, dass er mein Gebet erhört hat. Als ich kam, hieß es: „Wo hast du das Holz gestohlen?“ Ich sagte: „Das habe ich nicht gestohlen, sondern erbeten!! – Ich machte es mit den Kindern klein und bewahrte es unten unserem „Palata“, so konnten wir doch unser Essen kochen. Ja, ja, der Herr erhört Gebete, das habe ich in meinem Leben oft erfahren! „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erhören!!“

Die Männer im Wald in die Ochtuma hatten es sehr schwer, wenig Nahrung, im tiefen Schnee Wald umsägen und bauen, viele sind gestorben. Johannes und Bruno bleiben am Leben und hier, bei uns in den vielen Baracken starben alle kleinen Kinder – Tausende. An unserem Fenster gingen sie immer vorbei zum begraben, im Wald da zählte ich einen Morgen 60 kleine Särge! – oder nur eingewickelt in Sachen zum begraben. In unserem Baracke bleiben nur Waltraut und Viktor am Leben und waren auch nicht krank, trotzdem sie zu den kranken Kindern hinliefen, wir konnten sie doch nicht immer auf dem Schoß halten, nein, der liebe Heiland hat unsere Gebete erhört und hat sie uns gesund erhalten! Lenchen war so viel krank, es war mir manchmal so schwer. Da schrieb ich nach Köppenthal, „wenn nicht bald Hilfe kommt, dann ist unser Grab auch hier“. Dann bald danach kam die Hilfe! Kamen Bernhard Thissen und Herbert Penner (mein Schwager) und brachten uns Produkte, die für uns liebe Bekannte zusammen gebracht hatten. Das war eine Freude! – aber doch ein großer Schmerz sie zu sehen. Herbert nahm Produkte und fuhr zu unseren Männern. Bernhard nahm Heinrich und Anita mit und wollte sie nach Hause bringen, doch es glückte nicht, kam nur bis Ustuk und wurde zurück geschickt und Bernhard fuhr allein nach Hause. Herbert wollte mich als seine Frau zurück nehmen, aber ich entschloss mich nicht dazu, ich hatte das Gefühl, sie werden mich nicht zu Hause lassen und es war auch gut so. Bruno war auch nicht einverstanden damit, sagte Herbert. als er von dort zurückkam. So lebten wir mit Gottes Hilfe weiter, Auf Arbeit wurden wir nicht geschickt, weil wir die Kinder hatten, bis es endlich wärmer wurde und die Schiffe fingen an zu gehen, da, an einem Morgen hieß es (ich habe den Datum vergessen): „Pakt eure Sachen zusammen und tragt sie runter an den Fluss“, da wurden wir auf eine ‚Barze‘ geladen und bis nach Rjabovo gefahren, kamen des Nachts an und mussten im vollsten Regen am Ufer ausladen, wieder half uns der Banschuk, womit wir die Sachen und Kinder zudeckten und warteten bis des morgens, bis die Dörfler mit Wagen und Pferde kamen und alle Menschen in die Dörfer fuhren, wo wir dann bei den Russenfamilien verteilt wurden, jetzt kamen wir auseinander, Lenchen mit Kindern bei einer Familie, ich mit Traute bei der Nachbarin. „Gott sei Lob und Dank! wie waren wir so froh endlich wieder in einem Hause sein und menschlich wohnen können, ich hatte gute Hausleute, Mann und Frau und 1 Sohn. Sie hatten eine Kuh, gaben uns täglich Milch zu trinken, ohne Geld. Sie arbeiteten im Kolchos den ganzen Tag, so machte ich mich gleich an die Arbeit und reinigte ihre Stuben, da hatte ich lange zu waschen bis ich auf den Grund kam, und die Dielen schön weiß hatte. Die Wirtin war sehr froh und bedankte sich so und holte Läufer und Vorleger bei und legte sie hin und den Männern sagte sie an „zieht eure Stiefel aus, sieht wie schön die Stube ist“, das haben sie sonst nicht getan. So wohnte ich mit Trauti da Juni, Juli bis im August, besorgte ihr immer alles, machte ihr Handarbeit und sie gab uns das Essen. Nun hieß es nicht mehr „wir sollten zu unseren Männern nach die Ochtuma kommen“, sondern „die Männer kommen hierher und werden hier Baracken für euch bauen und ihr werdet hier immer wohnen!“ So wartete, warteten wir, alles still, so ging ich denn Mal zu unserem Kommandanten und fragte ihn. Der sagte: „Ja, bald werden eure Männer kommen und hier im Walde bauen“. Der Datum habe ich wieder vergessen, wie auch so mancherlei, im August, die Nacht klopfte jemand sehr an’s Fenster und rief:“Geht an den Hafen, die Männer sind gekommen“. Trauti weinte, wollte mit, ich ließ sie bei der Wirtin, es war doch 3 km zu gehen und nachts. Ich lief zu Lenchen, noch ein Paar Frauen und wir liefen mehr, als wir gingen, kamen an den Hafen, alles war totenstill. Kein Mensch zu sehen. Wir waren erschreckt – haben sie und belogen? Wir gingen in den Hafen hinein, machten leise die Türe auf und da lagen unsere Männer im süßen Schlaf. Wir knieten nieder an ihrem Lager und weinten mit Freudentränen, – das war ein Wiedersehen!!. Nun gingen wir alle zusammen in unser Dorf. Trauti kam uns froh entgegen gelaufen. Nun mussten die Männer alle Tage auf Arbeit gehen. Dort mussten sie erst den Weg machen, Bäume umsägen und mit Stämme auslegen. 8 km weit bis da, wo das Dorf gebaut sollte werden und da würden dann 2 Baracken angefangen zu bauen. Jeden Abend kamen die Männer ins Dorf zu ihren Familien zur Nacht, das war aber sehr schwer für sie zu gehen, müde gearbeitet, die schwache Kost, sie bekamen 500 – 800 Gramm, wie die Norm war zu arbeiten. Wir Frauen und Kinder 240 gr., dann etwas Grütze und Stückchen Fisch. Die Männer machten sich noch kleine Hütten, wenn es nicht regnete, so blieben sie die Nacht dort. So wurde denn gebaut, Bruno machte blechen Öfchen und die Rohre dazu, dann gläserte er alle Fensterrahmen ein, ich half sie verkitten, bekam ein Stückchen Brot mehr. Wir, Frauen und Kinder gingen in den Wald und sammelten Beeren, da konnten wir den Tag über essen und wurden nicht satt. Aber bei unserer Wirtin haben wir nicht mehr gehungert, Gott sei Dank! sie war gut und gab uns Milch und auch Stückchen Brot, ich habe ihr auch immer was geholfen. So verging der Sommer und Herbst, der Winter war vor der Tür, und an dem Dorf wurde immer noch gebaut, 2 große Baracken, Bruno kam oft abends zu uns ins Haus und morgens ging er wieder 8 Kilometer auf Arbeit. Einen Abend kam er wieder u sagte: Gerta, noch paar Tage und alle Familien aus den Dörfern (wir waren doch viel) müssen in die Baracken einziehen“. Mir fuhr ein Schrecken durchs Herz, mir stand gleich das fruchtbare Leben in Kotlas in den Baracken vor Augen. O, Gott, erbarme dich unser!“ Bruno sprach weiter: „Im Wald habe ich eine leere Erdhütte gefunden, willst du vieleicht lieber darein ziehen?“ „O, ja, ja, lieber da allein sein, als wieder in die volle Baracken“, – sagte ich. Bruno war mit dem Kommandanten guter Freund. So sagte Bruno, dann muss ich erst alles mit dem Kommandanten besprechen, ob er uns die Erlaubnis dazu gibt.“ Nach paar Tagen kam Bruno und sagte: „Morgen früh komme ich mit dem Pferd und Schlitten“. Es war der 20 Dezember, klarer kalter Wintertag, 25 Grad Frost. Die Chosjajka schalt auf Bruno, was denkst du bei solcher Kälte Frau und Kind in den Wald fahren, wo nichts fertig ist“, sagte sie, hier hatten wir es immer schön warm und gemütlich“. Ja, es war gewagt, doch wir fuhren mit unseren bisschen Sachen in den Wald. Trauti gut in die Decke eingewickelt, freute sich königlich in den Wald zu fahren, wo lauter Weihnachtsbäumchen standen. Wir fuhren. Mit einem Male sagte Bruno: „Prrr, aussteigen!“. Wald und Schnee. „Jetzt nimm dies Stück Brett und schaufle den Schnee weg, drei Stufen runter, da ist unsere Wohnung. Ich bringe das Pferd ab, und bringe das Öfchen und die Rohre und du sammle die Spänne, die hier rumliegen vom bauen“. Es war auch keine Türe dran, nun ich schaufle mit dem Stück Brett so gut es ging den Schnee aus dem Hüttchen. Bruno kam auch schnell mit dem Blechöfchen und Rohre, stellte alles zusammen, da war auch ein Loch im Fenster, wo das Rohr raus ging. Ich brachte die Spänne und schnell brannte das Feuer. Bruno lief schnell und holte eine Türe vom Bauplatz und wir konnten uns wärmen, Gott sei Dank!

In der Mitte war ein Baumstamm, da nagelte Bruno ein Brett rauf, das war unser Tisch, auf einer Seite stand die Kiste, die uns Herbert nach Kotlas brachte, darin unsere Sachen, und Trauti schlief nachts drauf, auf der anderen Seite nagelte Bruno paar Bretter zusammen, das war unser Bett. Auf dem Öfchen kocht ich unser Essen, ließ das Feuer gar nicht ausgehen, zur Nacht legte ich dicke Stücke Holz auf, damit sie bis ich wach wurde, brannten, so hatten wir es gemütlich warm. Der Kommandant kam öfter zu uns, nach sehen, freute sich, daß es warm war, spielte mit Traut und sagte: „Hier bei euch ruhe ich mich aus. In den Baracken ist Zank und Streit“.

Penners wohnten noch im Dorf. Johannes arbeitete hier in der Stolowaja als Buchhalter. Abends ging er ins Dorf. Leinchen schickte mir zu Weihnachten ein keines Handlanges Säckchen mit süße Kuchchen für Trauti. Sie hatte ja einen Ofen im Hause. Den 24 Dezember, als Bruno von der Arbeit kam, ging ich mit Trauti draußen spazieren rum. Bruno machte ein kleines Tannenbäumchen zurecht. 5 kleine Medizinfläschchen mit Petroleum angehängt und angezündet. Als wir kamen, lief Traute vorne weg, setzte sich vor das Fensterchen und guckte runter und rief laut: „Mama, Mama, der Weihnachtsmann war da und hat ein Bäumchen gebracht!“. Welche Freude! – als wir rein gingen, hängte ich noch ein paar Kuchen und paar Schnitzen ran, und das war der ganze Schmuck! Die Freude sicher größer, als jetzt die Kinder am großen, voll geschmückten Baum haben. Und wir waren auch froh und zufrieden zusammen, es kam noch ein alter Greis zu uns, Vetter Stöhr, hieß er, wir sangen und erzählten uns zusammen, er kam auch öfter und ruhte sich aus. So feierten wir auch den Silvester Abend und Neujahr 1931. So ging der eintönige Winter rum. Bruno arbeitete im Blech und Glasern, da half ich verkitten. Da fing es an zu tauen. Einen Morgen wurde ich wach, wie richt das bei uns, ich richte mich auf, O, Schrecken! – alles steht voll Wasser. Bruno sagte: „Nun ist unser stilles Leben dahin, der Kommandant läßt uns mit dem Kind hier im Nassen nicht wohnen. Was tun? Ich muss auf Arbeit, aber Gerta, nimm die Schüssel und Töpfchen (Eimer waren keine) und schöpfe immer Wasser ein und trage es raus. Wenn ich von der Arbeit komme, so grabe ich einen Kanal“. So machten wir es paar Tage, und wünschten immer, der Kommandant möchte doch jetzt nicht zu uns kommen! Nach paar Tagen kam kein Wasser mehr zu, und Bruno holte noch mehr Rohre bei, führte sie unten rum, um das ganze Hüttchen  und so trockneten wir es alles schön aus und blieben froh darin wohnen. Wunderbar! Kein Mensch kam in der nassen Zeit zu uns, und wir blieben auch alle gesund, Gott sei Dank! Und wenn ich jetzt zurück denke, so haben wir doch für alles Gute zu wenig gedankt, aber doch war der treue Heiland uns gnädig und half uns immer wieder in unserem armen Leben.

Als der Schnee weg war, besprachen wir uns „wollen uns gleich hier neben an ein Stübchen bauen!“ Gesagt – getan! Jeden Abend, wenn Bruno von die Arbeit kam, so nahmen wir Säge, Beil und Strick und gingen an die Arbeit – sägten die Bäume um, die dicht bei waren und stehen geblieben waren vom Baraken bauen, aber es waren îñèíà Bäume (Aspen), die zum bauen nichts taugen, frieren durch. Bruno sagte: “ Die werden uns schon reichen, so lange wie wir hier leben, wir wollen nur allein sein. Wir waren doch auf immer hier her geschickt, aber kein Mensch wollte es glauben, und sind auch keine dageblieben, außer die gestorben sind. Uns haben viele sehr verlacht, als wir anfingen zu bauen, und sagten: „wir fahren alle nach Hause und ihr bleibt hier, weil ihr euer Haus habt“. Aber Bruno sagte, „wenn ihr fahrt, fahren auch wir, das Haus hält uns nicht.“ So sägten Bruno und ich die Stämme und schleppten sie uns mit dem Strick bei und wir zwei legten auch allein die ersten Stämme, es lag ein großer Stein, der hinderte uns, so nahm Bruno ihn  zum Eckstein, und die andere Ecken legten wir unter (so stand das Häuschen nach vielen Jahren schief, der Eckstein gab nicht nach . So schafften wir alle Abende, manchmal bat Bruno wen zum helfen auf heben, wir hatten schon die Wände bis zum Dach, da kam was ganz unverhofftes, Bruno war auf Arbeit, ich saß im Hüttchen und schälte die paar Kartoffelchen zur Mittagssuppe, Auswahl hatten wir keine, zu Frühstück Hirsesuppe, zu Mittag bisschen dicker gekocht und zu abends wieder Hirsesuppe, da hatte man immer Hunger. Wenn wir Hafergrütze bekamen, die war viel nahrhafter, da hielten wir besser aus, von einem Essen bis zum anderen. Trauti spielte  draußen, da geht die Türe so langsam auf, ich dachte es ist Trauti, ich sehe auf, da vielen mir meine Hände in den Schoß. Und Adinchen und Helmut kommen rein. „Mein Gott! Kinder von wo kommt ihr denn her? – sagte ich, – und da kam auch Wilda rein und Kornej Neumann (Brunos Cousin Red.)– der hatte sie hierhergebracht. Das war ein unverhofftes Wiedersehen! Ich hatte meine Kinder, war keine Rabenmutter mehr, wie sie zu mir sagten. Es war gleich Mittag und Bruno kam. Ein Wiedersehen! Er nahm alle drei Kinder an den Händen und ging zum Kommandanten und sagte: „Meine Schwester mit den Kindern ist gekommen und ich habe das Haus nicht fertig“. Er sagte: „Ich gebe dir Helfer“. Da kamen paar Arbeiter und Kornej Neumann half auch noch das Dach decken, dann fuhr er in seine Heimat.   Wilda sollte mit den Kindern nach Karaganda geschickt werden, mit den anderen Familien und das wollte sie nicht und so kam sie heimlich mit Kornej zu uns. Der Herrn Rat ist wunderbar! Wie hat er Er Wilda mit den Kindern glücklich hergebracht, ohne Aufenthalt, gesund angekommen! Treuer Gott hilf uns weiter! Gib uns Kraft und Beistand zu allem! Nun bauten wir weiter, Bruno und ich setzten einen guten Ofen (noch niemals solche Arbeit getan, aber es gelang uns gut, behilfliche Männer machten die Fensterrahmen Bruno gläserte sie ein, legten die Dielen und den Boden, und wir zogen denn auch  bald in unser Stübchen ein, bauten noch ein Kreliezchen dran, das war unsere Küche. 9 Monate hatten Bruno und ich mit Trauti in unserer çåìëÿíêà in Ruhe und Frieden gewohnt, Gott sei Lob und Dank dafür! Waren nicht mehr in keine Baracken, die uns in Kotlas so furchtbar schwer waren. Nun war unsere Familie größer, bewegter wurde unser Leben. Ich hatte am Hüttchen etwas Land gesäubert von Wurzeln und umgegraben, es war sehr schwer, und setzte paar Kartoffeln zur Probe, sie gedeihen gut, so reinigten wir nun am Häuschen mehr Land von Wurzeln und Steinen und setzten dann im Frühjahr schon mehr und auch etwas Gemüse, aber unser Norme Brot bekamen wir so weiter. Die Fischnorme verhandelten wir im Russendorf für etwas Mehl. so teilten wir unsere Produkte immer so ein, dass wir nicht hungerten. Dann zogen wir in das Häuschen ein (1 Stube) und im Winter brachten sie die Kühe, die der Kolchos nicht durchfüttern konnte, und verteilte sie mehrere Familie nahmen zusammen eine Kuh. Bruno nahm eine Kuh allein für uns. Johannes Penner war beleidigt darüber, er wollte mit uns zusammen und Bruno sagte: „Nein, ich nehm eine allein für uns“. Es war schwer im Winter, keine Handvoll Futter und eine Kuh zu nehmen, auch da gab Gott der Herr Mittel und Wege. Wir stellten die Kuh in unsere çåìëÿíêà . Bruno holte aus dem Dorf eine Fuhre Stroh, ich verhackte mit dem Beil alles zu Häcksel, dann holte ich aus einem Speicher Kartoffel, di zu Stein gefroren waren, hackte mit dem Beil, die schönen kochte ich für uns zu Brei, der war gleich süß (Zucker hatten wir schon lange keinen gesehen, noch gegessen). Die andere für die Kuh gekocht, mit Häcksel zusammen, fraß gut und gab uns schöne Milch. Das war eine Freude und Labsal! Dann den nächsten Sommer bauten wir uns noch  eine Stube an, es war doch zu eng. 1932 schenkte der Herr uns noch ein Söhnchen (Artur). Es war nur ein schwaches Kindlein und die ersten Wochen sehr, sehr viel geweint. Tag und Nacht, es war sehr schwer. Nun mit der Zeit ging es besser, und er nahm zu und wuchs. Als er 1,5 Jahre alt war, weinte er beim erwachen und sagte:“Füßchen tut weh“ – aber wo? fanden wir nicht, auch der Arzt nicht. Und wir wussten auch nicht, dass er gefallen war, so wurde er sehr krank, auch das, ein Ärmchen, viele Monate. ER war schon nur noch Knochchen  und viel, viel große Schmerzen. Alles half nicht. Einmal kam die Tante Riesen, unsere Nachbarin und sagte: „Frau Epp, sie halten das Kind zu fest, geben sie es ab, lassen sie es sterben“. Ich sagte: „Nein, Tante, ich kann es nicht mehr ansehen, was das Kind aushält, ich bitte schon immer, lieber Heiland, nimm mein Kindlein, ich geb es Dir, ich kann nicht mehr aushalten, was das Kind für Schmerzen hat“. Dann war es Weihnachtsabend, wir machten ein Bäumchen zurecht mit Lichtchen, und stellten das Betchen mit Artur darin, ganz dicht vor den Tisch, aber wie freute sich das Kind! Die Äuglein glänzten, ich sah ihn an und dachte: „Nun wird mein Kind wohl bald heimgehen“. Ich weinte. Und was denkt ihr? Er starb nicht. Der Herr schenkte ihn mir nochmal. Es wurde täglich besser und besser. Wilda trug ihn viel draußen rum, dann fuhren Bruno und ich mit ihm nach Kotlas zum Arzt der sagte: „Laßt ihm Butter mit dem Löffel essen, so viel er will, dann ðûáèé æèð und in die Sonne legen nicht zu lange“. Alles machten wir, hatten ja auch die schöne Milch und unser Arturchen wurde gesund, aber er lahmt und lebt heute noch, so viele Gebete sind erhört, nun bitte ich noch täglich, daß er den Weg zum Heiland findet und Ruhe und Frieden und ein Gotteskind wird! Denn der Heiland hat doch sein teueres Blut für uns alle vergossen, und will nicht den Tod des Sünders. Nein Er will alle, alle retten und selig machen! So lebten wir mit Gottes Hilfe im Norden, im Walde weiter. Wilda hat uns sehr viel geholfen bei den Kindern und nähte noch vieles. Ich wurde viel auf Arbeit geschickt, auch auf mehrere Tage, denn es hieß immer „du kannst gehen, hast Tante Wilda zu Hause bei den Kindern“ Bruno hatte hier wenig Verdienst, und so fuhr er nach Õàðèòîíîâî und arbeitete im Depo und ich ging in das Krankenhaus und arbeitete als Sanitäterin. 9 Monate ging es mir schon ganz gut, hatte mich an alle Arbeiten gewöhnt. Auch der Arzt und alle Schwestern waren gut zu mir. Dann kam Bruno  zu mir und sagte: „Kinder, ich nehme die Mama mit, das sie für mich kocht, es kostet zu viel in die Stolowaja immer gehen und essen. Ich habe schon ein Stübchen für uns gefunden“. Es fiel mir schwer aus dem Krankenhaus zu gehen, und auch von den Kindern, doch ich ging. Nach einiger Zeit holten wir auch die Kuh hin und holten Artur. Wir hatten nur ein Stübchen mit zwei alten Leuten zusammen. Es war sehr eng, aber wir waren uns einig und gut. Auf Arbeit ließ Bruno mich nicht gehen, du hast genug mit Kindern zu tun und mit Artur (ich legte ihn dann immer in die Sonne auf gewisse Zeit) und für uns zurzeit das Essen kochen, hatte mir auch am Häuschen bisschen Land umgegraben und paar Kartoffel und Bohnen gesteckt. Hin und wieder besorgte Bruno ein Pferd und wir fuhren auf den ïîñ¸ëîê und besuchten Wilda und die Kinder, oder mit dem Schiff bis nach Rjabowo.

1935 kam Elsa mit Lili und Peter aus der alten Heimat zu uns gefahren, Bruno holte sie mit ihren Sachen von Kotlas ab und fuhr sie auf den ïîñ¸ëîê in unser Häuschen zu Wilda. Nun war  unsere Familie groß. Onkel Riesen unser alter Nachbar, sagte oft: „Frau Epp, wie wollen sie solch ein Tisch voll Esser satt bekommen?“ Doch Gott der Herr half immer weiter, wenn auch nur Blätter oder Graß vorhanden waren, aber wir wurden satt, wenn auch nicht auf lange. Helmut rief oft im Schlaf nachts: „Ich bitte Supp!“. Aßen auch viel, viel Beeren, die wir im Walde sammelten. Am meisten ÷черника, waren auch viel клюква, брусника, Himbeeren, морожки. Das gab schöne Warenje.

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Peter ging dann noch zur Schule, in der 7. Klasse – und Lili kam zu uns nach Charitonowo und ging zur Arbeit, Holz sägen. Wilda nähte immer etwas für die Lehrerinnen, Elsa kochte das Essen, – ich strickte für Fremde.Tücher und Schalle, jeder verdiente etwas, so haben wir nicht gehungert, immer das bisschen Brot eingeteilt auf den ganzen Tag. Adina und Trauti gingen zur Schule, und abends schnitten sie Gras für die Kuh und brachen Birkenästchen zum trocknen für Elsa ihre Ziege, in Besen gebunden und getrocknet, die Ziege gab schöne Milch und die Kuh auch, aber ich musste so viel Milchnalog zahlen, so kauften wir: 4 Familien eine Schleudermaschine, schleuderten und gaben die ausgekochte Butter ab. 14 Kilogramm, und wir hatten doch für uns die Schleudermilch zum trinken und kochen. Hatten auch um unser Häuschen etwas Land gegraben und bestückt mit Kartoffeln und etwas Gemüse, das Land war steinig, sammelten viel Steine raus, aber wir hatten den Kuhmist, so gab es doch immer von allem etwas. So lebten wir ruhig bis an 1937. Bruno und ich in Charitonowo, die Kinder denn bei uns, dann bei Wilda auf dem Poselok Tesowaja. Ich hatte in Charitonowo am Häuschen schöne Kartoffel und Bohnen, Bruno kam von der Arbeit und sagte: „Gerta, wann kochst dur grüne Bohnensuppe?“ Ich sagte: „Morgen, den 6. August ist Artur sein Geburtstag, da gibt es was frisches, zu Mittag werde ich kochen!“. Bruno wusch sich und sagte: Ich gehe mit den Kindern in den Laden, was für Artur zum Geburtstag kaufen“ – sie gingen alle froh weg und kauften was. Dann gingen wir alle ruhig schlaffen. Elsa und Lili schliefen auf dem Stallboden. Ja, Bruno ging auf die Nachtschicht ins Depo arbeiten. In der Nacht klopfte es. Ich fragte: „Kto? (Wer ist da?). „Otkrojte, milizija!“ Ich machte nicht auf. „Gde mush?“ – „V depo na rabote (im Depo auf Arbeit“. Sie gingen fort. Es dauerte nicht lange – da würde wieder gekloppft, – ich ging, und Bruno sagte gleich „Gerta, mach auf“ Ich öffnete die Tür: „wot teper’ srazu otkryla“ (jetzt hat sie sofort geöffnet) – sagten sie und kamen zwei Mann mit Bruno zusammen rein, legten ein Papier auf dem Tisch und sagten: „Unterschreib!“ – Bruno sah drauf und wurde kreideweiß – das stand „arretiert“. Nun machten sie noch Hausdurchsuchung. Wir hatten ja nichts,

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aber Bruno hatte ein Paar Jahre vorher vom Kommandanten Erlaubnis bekommen, nach Köppenthal zu fahren, und eine Schleudermaschine für den Kolchos zu kaufen und brachte sie auch mit und für uns Kleinigkeiten und schöne deutsche Geschichtenbücher, ein großes dickes Lexikon. Als sie das sahen und die Geschichtenbücher, so nahmen sie alles mit. Ein Paar Wäsche zum umziehen durfte ich mitgeben, weiter nichts. Das war ein schwerer Abschied! Gott mit dir! Und fort waren sie in der Nacht – ich allein – auf’ Schiff und nach Kotlas, und noch mehrere Männer dazu. Elsa und Lilie auf dem Stallboden hörten Stimmen – als alles ruhig war, kamen sie zu mir: „Was war da?“ „Ja, was, Bruno haben sie weggeholt!“ Das war eine Nacht!! Was weiter? O, Gott, hilf uns! Des Morgens hörten wir das auch vom Poselok mehrere Männer und Johannes Penner geholt waren. Ich sollte gleich das Quartier räumen und auf den Poselok fahren. Die Kinder waren hier, die Kuh, Heu, Kartoffel am Häuschen gesteckt, auch noch hinter dem Depo ein Land, große schöne Kartoffel, aber gleich die andere Nacht haben sie ein Teil gestohlen. O, ich wusste gar nicht, wo und was anfangen. Wie schade! Schade! War es mir, dass ich nicht grüne Bohnensuppe hatte eher gekocht, Bruno hat sie sehr gern gegessen und ich wollte sie zum Geburtstag kochen, nun war alles vorbei – dahin alle Freudigkeit! Die Kartoffel grub ich aus, die Männer die vom Poselok hier arbeiteten, nahmen die Kartoffel und gaben sie mir auf dem Poselok ab. Die Kinder fuhren mit Elsa auf den Poselok. Lili und ich blieben noch hier, ich arbeitete noch auf der Birscha, musste kleine Klötzchen zerhaken, ich weiß aber nicht mehr zu was sie gebraucht wurden. Bruno sah noch Lili und rief: „Bringt mir das Fufaika nach“. Lili brachte es ihm aufs Schiff, aber nicht mit ihm gesprochen. Lili wurde noch weiter in den Wald auf ein Utschastok geschickt arbeiten, nun bis Peter nach und nach alles rüber gefahren hatte: Kuh, Heu und unsere Sachen, arbeitete ich, dann fuhr ich auch auf den Poselok. Lili wurde in den Wald auf einen Utschastok geschickt und arbeitete längere Zeit da, dann kam sie auch auf den Poselok und arbeitete als Melkerin – bis sie in die Trudarmee müsste. Als Bruno noch bei uns war, bekamen wir liebe Gäste, Justinchen und Leni mit ihrem kleinen 1,5 Jahre alten Rudi, der auf dem Schiff sehr schrie, wenn das Schiff gepfiffen hat. Es waren schöne Tage zusammen, doch bald fuhren sie wieder ab, und es war das letzte Mal, dass wir Justinchen sahen – sie starb auf Trudfront. Leni lebt noch!

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Lenchen Penner war auch geholt worden, da blieb ihre alte Mama mit den Kindern, Heinrich, Anita und Viktor zurück. Ich fuhr noch einmal nach Kotlas, hatte auf ein Paar Minuten eine . Wiedersehen mit Bruno, ich übergab ihm was, ich sagte: „Ich werde wohl auch geholt – Lenchen ist nicht mehr“. Bruno sagte bloß: „ du wirrst nicht geholt“ und das Fensterchen war zu….

Als ich nun mit allem auf dem Poselok war, wollte ich wieder ins Krankenhaus auf Arbeit gehen, doch, sie nahmen mich nicht an, weil Bruno weg war, ich ging in den Kindergarten – die selbe Antwort. In der Zeit war unsere liebe Tante Riesen und ihre Tochter Maria gestorben. Maria hatte ich sehr lieb, sie arbeitete als Schwester im Krankenhaus und ich war Sanitäterin. Nun ging ich in den Kolchos und arbeitete als Melkerin, ich hatte 11 Kühe dreimal den Tag zu melken, füttern und ausmisten und den großen Bullen zu füttern, der sauf auf Einmal 6 Eimer Wasser, später nahmen sie ihn zum fahren, er zog eine große Fuhre Heu aus dem Wald nach Hause, als ein Pferd. Dann wurde ich angestellt die Milch anzunehmen, schleudern, buttern, die Butter auskochen und abliefern, nicht lange, da kam aus dem Dorf ein Mädchen und nahm es an. Und ich wurde überall hingeschickt, denn fütterte ich die Schaffe, im Frühling ging es zum Heu mähen, da war ich Köchin und half auch harken, wenn es weit war, das wir abends nicht nach Hause kamen, so hieß es immer: „du hast Wilda bei den Kindern“, und ich blieb mehrere Tage und Nächte fort. Und es war so viel Regenwetter, schlecht zum kochen, unter freien Himmel, aber die Männer waren immer gut zu mir und mir behilflich, der brachte mir ein trocknes Holz aus dem Wald mit, der andere hackte es mir klein, mein Kessel hing meistens dicht am Flüsschen, wo ich Wasser holte. Die Norm vom Fleisch, Grütze, Mehl und Kartoffel, die ich bekam zum kochen war nur klein, aber sie trauten mir, wussten das ich nichts nahm nach Hause, wenn ich gekocht hatte, rief ich jemanden und der sah zu wie ich das Fleisch verteile und jeder bekam es in sein Schüsselchen, so auch die Lugge, – war übrig, so gab es Dobawka wer am hungrigsten war. Weil viel Regenwetter war, zog sich das Heumachen sehr in die Länge und ich war viel fort auf Arbeit, aber am Sonntag, wenn wir nicht unbedingt was tun mussten, so hielten wir immer unseren Sonntag – für uns schafften wir nichts – Wilda las die

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Predigt vor und dann sangen wir, auch wie Bruno noch bei uns war, hielten wir immer Sonntag, Wilda oder Bruno spielten auf der Violine und ich Gitarre, die Bruno auch dann von Köppental mitgebracht hatte, die Mädels hatten auch schon bei Wilda gelernt, auf der Gitarre begleiten, so hielten wir immer, sangen und hatten Ruhetag.

Johannes Penner und Lenchen kamen dann oft zu uns rüber, Johannes sagte oft das erste: „Singt’ Mit dir o Jesu will ich Pilger wandern“ Nun waren alle drei weg! Lenchen bekam auch 10 Jahre, wie Bruno, von Johann wussten wir nichts. Bruno und Johann haben sich nie wieder getroffen. Lenchen hat ihre 10 schwere Jahre durchgemacht, kam noch zurück und lebte mit Anita zusammen in Tokmak noch mehrere Jahre und starb da 197…

Einen Winter in welchem Jahr habe ich vergessen, das musste ich auch im Wald arbeiten, grad den 23. Dezember fuhren wir in den Wald. Mehrere Männer sägten die Bäume um und wir waren drei Frauen mussten die Äste abhacken und dann auf große Haufen schleppen. Die Äste nass und schwer und im tiefen, tiefen Schnee gehen und so wenig Kraft, die 2 Frauen liefen abends nach Hause zu den Kindern, ich wollte auch, da sagten die Männer: bleib hier, du musst Morgen doch wieder her, ruhe dich lieber aus“ – es fiel mir schwer, doch ich bleib. Sie gaben mir aber einen guten Platz in der Barake, und nie hat mich ein Mann angerührt (wie schlecht es jetzt in dieser Zeit ist!). Den 24. Heiligen Abend, als wir unser Abendbrot gegessen hatten, ging ich raus, weiter in den Wald hinein, die Sternlein glänzten so schön – ich betete, weinte, hielt Weihnachtsabend allein, dachte an meine Kinder, wie sie mit Elsa und Wilda alle zusammen waren und sangen. Die zwei Frauen kamen nicht mehr. Mir waren die Männer so behilflich, hatten immer Mitleid mit mir, zeigten mir wie ich das Beil richtig halten musste und noch einen Stock unterschieben um leichter zu hacken, oder schlagen. Zu Neujahr kamen wir zurück und dann wieder hin. Dann habe ich so an meinem Papa gedacht, wie oft haben in unserer Jugendzeit die Leute gesagt: „Onkel Isaak, warum lassen sie ihre Mädchen alles schaffen?, sie haben doch genug Arbeiter zu allem“ Und Papa sagte dann: „Meine Kinder sollen alles lernen

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Keiner weiß, was für ein Leben sie bekommen, ob reich oder arm, dass sie alles können, – so war es acuh, wir hackten die Kartoffeln, mähten das Heu, trugen die Garben zusammen auf den Haufen, stellten die korrekt zusammen, damit sie nicht einregneten, halfen an der Dreschmaschine, konnten kochen und backen, und wie gut war das alles! Wir Geschwister kamen alle ins Elend hinein, alle schwere Jahre durchgemacht, doch mit Gottes Hilfe und Beistand, ist keiner verhungert, obgleich wir eine Zeitlang keine Hand voll Mehl im Hause hatten, da klopfte früh morgens jemand an die Tür, ich öffnete, und da stand eine Frau und holte unter ihrem großen Tuch ein schönes Brot vor, und gab es mir. Das war Hilfe! Und so hat der treue Heiland uns so oft, oft geholfen, wenn die Not am größten war Gottes Hilfe am nächsten, und wir arme Menschenkinder haben viel, viel zu weinig gedankt! So gingen die Tage und Jahre langsam dahin, die Kinder in der Schule lernten gut, wuchsen, halfen uns, gingen in den Wald nach Beeren, gehorchten uns. Adina war von klein auf schwächlich und geplagt von dem Husten, das arme Kind hat manchmal Stunden lang im Bett nichts gegessen und gehustet, alle Hausmittel die wir wussten, wandten wir an, aber es half nicht genug, erleichtert nur, und so ist mein liebes Kind mit dem Husten groß und auch alt geworden. Trauti war von klein gleich kräftiger, immer rote Backen, in Kotlas in dem Barak, wo wir fünf Monaten wohnten, sagten die Frauen immer: „was füttert ihr eurem Kinde so gutes, dass sie immer so frisch aussieht? Kauft doch wohl viel Milch?“ Ja, von was soll ich Milch kaufen? Keinen Kopeken Geld und keine Sachen zum verhandeln, wie so viele hatten. Sie aß nur ein Stückchen Brot mit Salz, weiter nichts! Helmut hat den kleinen Artur viel geärgert und zum weinen gebracht und doch hing der Kleine, wie eine Klette an ihm und lief ihm auf Schritt und Tritt nach. Bis in die 4. Klasse gingen sie auf dem Poselok zur Schule, dann nach Rjabowo. Helmut lernte noch auf dem Poselok schustern, aber das sitzen war für ihm nicht gut, bekam einen kranken Magen, es war schwer, alles konnte er nicht essen, das Brot trockneten wir für ihn und Kartoffelbrei war gut. Dann

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wurde in Schenkursk eine Schule aufgemacht für Veterinäre (Viehärzte), da trat Helmut ein und lernte. Den Brotsack nähte er sich dort selbst, dann schrieb er immer kleine Zettelchen zu uns: „weil ich das beten nicht vergesse!“ „Gott, sei dank“ – darüber war ich immer sehr froh. An Bruno hatte ich nach Kotlas, wie er da geholt war, immer kleine Briefchen geschrieben, nur wie die Kinder lernten, oder alle gesund waren, wusste keine genaue Adresse, so schrieb ich: Kotlas, GPU, peredat’ Epp (weitergeben an Epp). Was denkt ihr? Als ich 1940 nach Njandowo auf Brunos Wysow nach Bruno kam, sagte er mir gleich:“ Hast du, Gerta mir aber solche Freude bereitet mit deinen kleinen Briefchen, sie haben sie mir immer gegeben“ Ich war auch froh, dachte immer, geben sie die Briefe Bruno, so freut er sich, geben sie nicht, so sind nur meine Worte verlesen. Ja, so kann man durch wenig Wörter Freude bereiten! Ein anderes Mal ist es das Gegenteil. Bruno hat in Kotlas nicht eingesperrt gesessen, sondern er bat gleich an Arbeit und da arbeitete er Tag für Tag auf dem Hofe was, bis er nach Njandowo geschickt wurde, da arbeitete er eine Zeitlang als Parückemacher (Frieseur) bei den Natschalstwo (Verwaltung), da dürfte er schon nach Hause schreiben, dann schrieb er einmal, jetzt sitze ich im Kabinett, habe einen weißen Chalat (Mantel) an und säubre die Hände, da brauchst du dich, Gerta, nicht mehr erschrecken, wie zu Hause, wenn ich auf Mittag aus der  Strich in der Küche“ Ja, wir freuten uns bei solcher Nachricht! 1940 schickte Bruno mir dann einen Wyzow auf Besuch zu Kommen! Der Kolchos, wo ich arbeitete wollte mich nicht loslassen, so fuhr ich nach Sol’wytschegodsk und da gaben sie mir die Erlaubnis und Dokumente zum fahren. Onkel Riesen borgte mir bisschen Geld, wir hatten doch nichts. Peter arbeitete auf dem Schiff als Kotschegar und fuhr von Kotlas bis Archangelsk, mit ihm besprachen wir uns, wann, und er fuhr uns umsonst bis Archangelsk: Adina, Traute, Artur und ich. Adina und Trauti nahm Peter von Archangelsk wieder zurück, denn ich wusste nicht, wie ich mit drei Kindern würde weiter kommen, und es war auch sehr schwer, wie ich mit Artur  auf einer Vollbeladenen Maschine mit Menschen weiter kam.

Einer Station gingen alle runter, nun ging es anfragen, wie weiter. Endlich sagten sie mir, da geht grad ein Fuhrwerk hin, fahr mit,

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Das war eine Schmalbahn, Fuhrmann mit Wagen und Pferd beladen mit Produkte, ich fragte ihn: „Wohin?“ – er sagte: „ setzt euch drauf“. Wir fuhren durch den Wald, wie viel Kilometer weiß ich nicht. Endlich an einem Tor angekommen: „Gib den Propusk“ – „Ja, ich habe keinen“. Da kam ein Milizionär, ich sagte ihm alles. Er sagte: dass kann ich nicht verstehen, du musst zurückfahren, da sitzt so eine strenge Frau, die lässt keinen durch und nicht hier, ohne Propusk“. Ich zitterte grade. Dann sagte ich: „Ist mein Mann denn hier?“ – „Ja, – sagte er – er war auf der Nachtschicht, jetzt im Baracke“. Ich sagte zu ihm: Bitte nehmen sie doch meinen Jungen mit, und sagen ihm, dass ich gekommen bin“. Er nahm Artur an die Hand und gingen ab. Ich saß im Häuschen und sah durch das Fenster, sie gingen weit, endlich drehten sie in einen Barack rein, ich wartete und wartete – endlich: Artur an Papas Hand, hopste rum. Bruno kam und mir liefen die Tränen: Bloß nicht weinen“ – sagte Bruno, dass lieben sie nicht!“. Ich sagte Bruno, wie es mir geht, Bruno sagte: „Du musst zurück, ohne Propusk geht das nicht“. Endlich am Ziel und wieder zurück. In der Zeit hatten sie schon am Telefon hin und her gesprochen, so dass sie dort alles wussten. Ich fuhr gleich mit demselben Mann wieder zurück. Artur blieb bei seinem Papa. Ich kam dort an in 5 Minuten hatte ich meinen Propusk in der Hand, ich habe nichts gesprochen, sie wussten alles. Nach einer Stunde ging wieder ein Fuhrwerk dorthin, nahmen mich mit und abends war ich endlich mit meinem Bruno zusammen im Häuschen. Bruno bekam vier Tage frei, so blieben wir im Häuschen. Ich dürfte nicht in den Barack gehen und sollte auch mit keinem sprechen. So waren wir allein, fragten und sprachen über alles. Es war Bruno so schade, dass ich die Mädels nicht bis ihn gebracht hatte. Ja, ich wusste ja gar nicht, wie ich weiter kommen würde! Nun es war nichts zu machen, sie fuhren mit Peter zurück. Artur aber war froh und spielte draußen rum. Die vier Tagen waren jas so schnell um, gingen immer etwas draußen rum, Bruno holte sein Essen her und wir aßen zusammen, Brot war genügend, ich war froh, dass ich mich an Brot satt essen konnte, Bruno wunderte sich. Wir hatten noch damals wenig Brot und Bruno immer genügend. Einmal sagte mein lieber Bruno: „Ich denke 1942 werden sie uns alle frei machen! Dann kommen wir nach Hause“. Dann kam das Fuhrwerk und wir mussten Abschied nehmen: „Auf Wiedersehen“ – lange, lange stand Bruno auf einem Baumstamm und winkte. Bis es um die Ecke ging

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Da war unser winken zu Ende. Artur und ich fuhren nach Hause. Auf Erden gabs kein Wiedersehen mehr! Der Mensch denkt – Gott der Herr lenkt! 1941 brach der Krieg los und 1942 den 12. Juni starb mein lieber Mann, den Kindern ihr lieber Papa im Krankenhaus. Die Nachricht schickte uns Justinchen von Ufa. O, Herr, hilf uns, das wir Dir treu bleiben und uns alle bei Dir Drüben Wiedersehen!. Mit Peter auf dem Schiff kamen wir wohlbehalten nach Hause. Peter hatte uns noch viel Brot getrocknet, welches wir mit Freuden annahmen und nach Hause brachten. Dann ging unser Arbeitsreiches Leben wieder weiter, nun hatten wir keine Hoffnung mehr auf Brunos zurückkommen. Unser Versorger und Beschützer für uns und die Kinder, kam nicht mehr zurück! Aber der Vater der Witwen und Weisen hilf uns weiter in all den schweren und traurigen Jahren! Können nie genug dafür danken! Wilda arbeitete im Artel in der Näherei und war da auch die Leitende. Ich arbeitete im Kolchose als Melkerin und hatte auch die Hausarbeit zu Hause, den Garten und die Kuh zu besorgen. Adina und Trauti lernten in Sol’wytschegorsk. Als der Krieg anfing wurden alle Arbeitsfähige gerufen, ihr werden in die Trudarme geschickt, macht euch fertig erst nach Charitonowo zur Kommission. Schlechtes Wetter Oktober, Regen Schnee, die Sachen auf den Wagen geladen und wir Frauen und Mädchen mussten zu Fuß gehen, kamen bis nach Rjabowo nachts, da waren wir schon bis auf die Haut, alle durch und durch nass und kalt, wir klopften bei den Leuten an, bitte lasst uns doch rein, keiner machte auf – endlich ließ uns eine Frau rein. Wir legten unseren nassen Sachen auf den Ofen, aber die brühten nur, weil es viel zu viele waren. Wir lagen auf  der Erde. Als es hell wurde zogen wir die nassen Sachen wieder so an und mussten weiter gehen, es waren 30 Kilometer bis zur Kommission. Ich kam vor – mager war ich und jetzt von dem schweren nassen Weg waren meine Beine von oben bis unten dick angeschwollen, was bei mir noch nie war. Doch es sollte doch wohl so gut sein, denn ich kam frei und konnte zurück zu den Kindern kommen. Gott sein dank! Aber Lili, Adina und Anita und Viktor mussten fort ins Elend! Meine liebe, schwache, hustende Adina! Musste gehen!  Wie flossen da die Tränen und die Gebete stiegen auf, mein Gott, hilf meinem Kind, bringe sie mir doch noch mal zurück!

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Gott sei Lob und Dank! Der treue Heiland hat unsere Gebete erhört! Aber ich habe mein Kind nicht erkannt, als sie zur Türe Reinkahm, so mager, elend, aber was haben sie auch dort alle durchgemacht!! Krank, Hunger, schwere Arbeit, keine Kraft dazu, so jung… In Kuibyschew waren sie, Kanäle graben und alles war gefroren. Die Norm konnte sie nicht machen, so gab es das Stückchen Brot immer kleiner. Gut, dass die liebe Lili noch bei ihr war und mithalf, die Baracke volle Menschen, Ungeziefer, kalt. Durch die Kommission kam sie  frei, und mit einer schwereren Zurückreise auf dem Zug und zu Fuß war sie endlich daheim! Wir konnten unser schwaches Kind wieder bisschen pflegen, gut, dass wir noch unsere Kuh hatten, die schöne Milch! Bruno sagte dann: „Ihr habt doch die Kuh gleich verkauft, als ich weg war? Es war doch zu schwer, das Futter für euch zu besorgen“ Ich sagte: „Nein, Bruno, die Kuh haben wir behalten, die hat uns ernährt. Wenn auch schwer war, aber wir haben sie gehalten. Etwas Stroh bekam ich aus dem Kolchose und dann haben die Kinder geholfen, gemäht, mit Sichel geschnitten, etwas gekauft und im Winter auf Schlittchen aus dem Wald rausgefahren“. Als Adina dann fort war, wollte Trauti nich mehr in Sol’wytschegodsk allein weiter lernen, weinte und bettelte: „Mama, nimm mich auf den Poselok.“ Es war doch Krieg, sie sagte: mit einm Mal schicken sie euch fort und dann bin hier allein. Weinte sehr. Die Lehrer wollten sie auch dort halten, sie lernte so gut, aber sie „Mama, nimm mich“ So ließ ich mich überreden und nahm sie mit. So ging sie mit Tante Wilda in den Artel. Dort nahm Nikolai Iwanowitsch Dunkewitsch sie nach sich ins Kontor und musste ihm da helfen. Als Adina sich dann erholt hatte, ging sie auch in Artel, erst half sie nähen, und als die Beeren reif waren, gingen sie beide nach Beeren Tschernika, Brusnika, Kljukwa – jeden Tag, den Korb an der Seite gesteckt, ein Stückchen Brot zu Mittag und so ging es fort bis 3-4-5 Uhr. Die Norm war 8-10 Kilogramm, was mehr war dürften sie nach Hause bringen, die aßen wir oder trockneten sie. Wilda nam im Artel die Beeren an und trocknete die in der Suschilka. Es war viel arbeit. Später kamen Pilze, da war die Arbeit ebenso. Die Kinder sammelten sie im Wald, Wilda nam an uns sie salzte viele Tonnen voll ein. Diese wurden dann weggefahren und abgegeben. Beeren haben wir sehr viel gegessen. Auch an die Pilzen gewohnten wir uns und schmeckten auch gut!

  1. 37.

Für die Kuh musste ich großen Nalog zahlen – aber da die Milch immer zu wenig Fettgehalt hatte, habe vergessen wie viel Liter es im Jahr sein sollten, so kauften wir: vier Familien uns zusammen eine kleine Schleudermaschine und schleuderten unsere Milch, kochten die Butter aus und lieferten 14 Kilogramm ausgekochter Butter. So hatten wir doch die Schleuder- und Buttermilch für uns, zum kochen und trinken. Für die Trudodni im Kolchose gab es nur wenig rauß. Hatten wir bisschen Mehl, so kochten wir Wareniki mit Beeren, oder Schanki, da waren aber mehr Kartoffel drin als Mehl. Schmeckten aber so gut am Sonntag. Kartoffel mussten wir auch liefern, aber unsere Kartoffeln waren nur klein, das Land war schlecht, so haben wir die Kartoffel gekocht, geschält, klein geschnitten und getrocknet, das brachte sehr viel, ich habe vergessen wie viel Kilo es trockene waren, die wir abgaben. Helmut lernte in Schenkurs, lernte auch gut. Artur erst in Rjabowo, dann in Boltino, war bei Petre und Selma im Quartier. Die waren schon verheiratet. Als Artur 10 Klassen geendet hatte, fuhr er nach Ustjug und lernte im Technikum. Trauti arbeitete im Artel bei Nikoloj Iwanowitsch bis der Artel’ überführt wurde nach Sol’wytschegorsk. Dann arbeitete sie da und war bei Kröders im Quartier. Adina fuhr dann nach Kotlas und lernte als Krankenschwester, sie hatte es schwer aber sie bemühte sich sehr und lernte gut. Aber wir hatten kein Geld um das Quartier zu bezahlen, sie war bei einer Judenfamilie mit drei Kinder, so half sie der Frau alles: Stuben aufräumen, aufwaschen und auch auf die Kinder aufzupassen, kochte sich selbst was, oder bekam was zu essen. Ich arbeitete doch im Kolchose, da konnte ich mich nicht oft abfragen, brachte denn Kartoffel, Schmand und Quark hin: denn nach Sol’wytschegorsk, dann nach Kotlas – hatten alle zusammen doch eine schweres Leben. Als wir noch alle auf dem Poselok zusammen waren, war es doch leichter. Trauti schickten sie aus dem Kontor nach Kotlas. Und als es Herbst wurde und die Schiffe nicht mehr gingen, da musste sie auf dem Kahn über den Fluß fahren, schwach angezogen und es war kalt, da hat sie sich sehr erkältet, sehr gehustet, nichts gemacht, nichts eingenommen, bis sie endlich ins Krankenhaus ging. Da war es zu spät. Legten sie gleich ein und Tante Wilda und ich wussten nichts davon, bis Trauti endlich selbst aus dem Krankenhaus schrieb: „Mama, ich sitze auf dem Bett und schreibe

  1. 38.

Bin im Krankenhaus eingelegt, in die Lungenabteilung“. O, was haben wir geweint! Welch ein Schmerz! Unsere frische, gesunde Trauti – die all unser Elend von Anfangan mit uns durchgemacht hatte und jetzt gleich solche schwere Krankheit! Wie beteten wir zum Heiland um Hilfe!! Ich fragte mich ab und fuhr gleich hin und besuchte sie, weinten. Die Ärzte sagten sie muss hier bleiben, um gewisse Tage machten sie ihr „podduwanije“. Ich fuhr mit schwerem Herzen nach Hause. So hat mein liebes, liebes Kind vier schwere Jahre durchgemacht, bis 1953 unser lieber Heiland sie heim holte, den 5. Oktober. Wo keine Krankheiten, kein Leid, keine Tränen mehr sind! Der Herr schenke uns, dass wir uns alle Drüben bei ihm wieder sehen, dass keiner dort bei Ihm fehlen wird! Der Herr stärke uns im Glauben treu und fest zu sein bis an unser Ende! Er weiß die Zeit und Stunde, alles liegt in Seiner Hand! Trauti starb in Charitonowo, begraben in Nowikowo auf dem Kirchhof. So sind meine Lieben alle in verschiedenen Städten begraben. Papa und Bruder Cornej in Köppental, Mama in Alexanderthal, Schwester Lili in Tatarstan, Schwester Käte in Köppenthal, Trauti in Nowikowo, Schwester Gustchen 1932 in Krapotol, Bruno im Gebiet Archangelsk, die Männer von den Schwestern unbekannt. Und wo wird mein Grab sein? Überall ist Gottes Erde, nur selig sterben, um ewig bei Dir, du treuer Heiland, zu sein, wo keine Leiden und Sorgen sind, nur ewige, himmlische Freuden! Schwester Milusch ist den 19. Juni gestorben, begraben in Karaganda auf dem Friedhof. Selig sind die Toten die im Herrn sterben. Hoffen auf ein Wiedersehen! Nun bin ich von unserer großen Familie die letzte geblieben und die Älteste geworden. Wir waren sieben Schwestern und ein Bruder. Ich bin jetzt schon 88 Jahre alt.

  1. 32 (die Reihenfolge ist so im Original! Erst sind die Ereignisse vor 1981 auf vier Seiten verschoben, dann kommen die folgende vom Jahr 1981)

1981 (geschrieben)

Bis hierher hat mich Gott gebracht, durch seine große Güte bis hierher hat Er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemühte, bis hierher hat er mich geleitet, bis hierher hat Er mich erfreut, bis hierher mir geholfen! Bis ins hohe Alter! Hab Lob und Dank dafür! Du, mein treuer Heiland! Nun bin ich grau, alt, aber immer hast Du mir gute Gesundheit geschenkt, dass ich noch nie im Krankenhaus gelegen habe, dass ich meinen Kindern noch viel und gerne helfen konnte. Aber jetzt werde die Kräfte schwächer, aber doch arbeite ich noch gerne, so viel ich kann, aber das Augenlicht ist schon schwach, dass Gehör noch sehr gut. Gesungen habe ich in meinem Leben viel und gut und jetzt will es nicht mehr, singe ein Paar Verse und muss husten und aufhören. Nun sind wir schon wieder 2,5 Monate im Neuen Jahr. Es eilt die Zeit und wir, wir müssen mit ihr eilen! So manche meiner lieben Freundinnen haben das neue Jahr nicht mehr erlebt, sind heimgegangen und wer wird das Ende dieses Jahres erleben? Möchte Drüben keiner von uns fehlen! Jetzt sind wir in der Passionszeit, möchten wir nie vergessen, was unserem Heiland gekostet hat, dass wir erlöset sind. Ich singe so gerne das Lied: „Du heilige Nacht Gethzemane, ich nie vergessen kann, wo ich in tiefer Trauer sah, dass treue Gotteslamm“. Singen es mit meiner lieben Adina öfter zusammen. Da wir hier keine Deutsche Freunde haben – so fahren wir in die Stadt Serpuchow und gehen da zur Andacht, es ist nur eine kleine Gemeinde, aber wir sind unter Gotteskinder, ruhen von der Wochenarbeit aus und stärken uns für die kommende Woche. Dann, den 19-20. April feiern wir das schöne Osterfest, wo Jesus für uns auferstanden ist und gesagt hat: „Ich leben und ihr sollt auch leben“. Nun möchte ich noch schreiben, was wir im Februar 1981 erlebt haben. Den 19. Februar fuhren Adina und ich nach Smolensk, Helmut fuhr den 20. und den 21. Februar am Sonnabend feierten Pauline und Artur (mein jüngster Sohn) ihre Silberhochzeit (1981-25 = 1956). 25 Jahre liegen hinter ihnen, die sie nicht immer auf Rosen bestreuten Wegen gingen. Nein, es waren auch viel steinige Wege mit Krankheiten verbunden. Doch Gott sei Dank! Diesen Tag konnten sie möglichst gesund und zufrieden verleben. Vier Kinder hat Herr ihnen geschenkt, die auch alle vier diesen Tag mit ihnen zusammen feiern konnten. Albert (Alik genannt) kam von Moskau von seinem Arbeitsplatz gefahren. Ida, die älteste Tochter, 22 Jahre, ist noch bei den Eltern und lernt im Institut und arbeitet auch als Baumeister. Alexander (Sascha) bekam vier Tage frei aus dem Wehrdienst, um mit den lieben Eltern das Fest zu feiern. Inna – die jüngste, ist 7 Jahre alt und geht in die 1. Klasse, war gesund und recht froh und munter. Artur hatte seine Schulkameraden aus dem Norden eingeladen, so kamen die Gäste von weit und breit. Sol’wytschegorsk, Minsk, Riga, Kuban, Karaganda, Smolensk – nur von Zelinograd war keiner, nicht Pauline ihr Mutter, nicht die Geschwister oder Freunde. In der Stolowaja (Kantine) hatten sie einen Saal eingenommen, aber sich viel Arbeit und Aufregung gemacht – alles selbst gekocht, gebraten, gebacken, viele Sorten von Salaten gemacht, Studen’ (Cholodez), Wurst, Wein (aber es waren keine Betrunkene!), Apfel, Apfelsinen, Zitronen. Nun die Tische waren schön und viel besetzt. Pauline hatte ein helles Kleid an, das Silberkränzchen in ihrem dunklen Haar sah schön aus. Artur auch ein Silbersträußchen angesteckt. Pauline hatte frische Blumen: Kahlen und Tulpen in der Hand. Ein schönes Paar! Nur fehlt Pauline die Gesundheit, ist so Nerven- und Herzkrank. Um 16:30 fuhren wir auf vier PKW in den Standesamt – an der Tür wurden sie empfangen mit Brot, Salz und ein Gläschen Wein, dann gingen wir nach Oben, wo uns die Musik empfing, Das Brautpaar stand in der Mitte im Saal, wir die nächsten saßen daneben, dann stand eine Frau auf und sprach ernst und feierlich (das mir die Tränen kamen), dann wechselten sie die Eheringe, dann stand ein Mann auf und sprach und überreichte ein großes Buch, dann gingen wir alle nacheinander und gratulierten. Sie gingen unterschreiben, dann begleitete uns die Musik wieder zurück in einen anderen Saal, jeder bekam ein Gläschen Wein und wir wurden fotografiert. Dann fuhren wir zum Fotographen, von da in die Kantine, an die vollbesetzten Tische. Als alle saßen, sagte Ida ein russisches Gedicht auf, dann stellte sie Innchen auf einen leeren Tisch nebenan und sie sagte auch ihr Gedicht auf, ganz gut! Dann wurde auf dem Bajan gespielt, gesungen, gegessen und getrunken, auch noch getanzt. Es war ein froher Abend und solch frohes Treffen, Wiedersehen nach 20 und mehreren Jahren!

  1. 33.

Es war alles schön und gut, aber die Hauptsache fehlte, das Wort Gottes und die deutsche Lieder. Solche Silberhochzeit habe ich nicht mitgefeiert (bin 81 Jahre alt). Doch Gott sei Dank! Alle gesund und wohl! Möchte der treue Heiland sie in Liebe und Frieden ihren Lebenslauf weiter führen! Das ist mein tägliches Gebet für sie, meine Kinder. Um 11 Uhr ließ Artur uns und wer noch wollte, nach Hause fahren, die anderen blieben noch. Wir gingen schlafen. Alle Zugereiste Gäste wurden zur Nacht bei den Nachbarn untergebracht. Es war sehr schönes Wetter. Welche Gäste fuhren Sonntagabend, welche am Montag, welche Dienstag, aber das Essen reichte für alle, es war sehr viel zubereitet. Ich blieb noch zwei Wochen da, und fuhr zurück nach Serpuchow mit Irina, Saschas Braut. Nun ging das Alltagsleben wieder weiter. Das Frühjahr kam mit seinen Arbeiten, stuckten, säten, der Herr gab uns immer die nötige Kraft und Gesundheit zu allem, mir hier zu Hause, Adina ihre viele Arbeit im „dom otdycha“ (Erholungshaus), die viele Stuben reinigen und ihre Hände sind so schlimm von der Eksema, doch mit Gottes Hilfe ging es Tag aus, Tag ein. Nun kam der heiße trockene Sommer: Juni, Juli, kein Regen, mussten viel gießen, aber das Wasser reichte nicht zu allem und obgleich wir viel, viel Arbeit hatten, bekamen wir die Einladung nach Smolensk zu kommen zu Alik seine Hochzeit, die den 6. Juni sein sollte. Erika und Alik wurden in Zelinograd von Pastor Müller getraut, feierten bei Erikas Eltern Hochzeit und fuhren dann zusammen mit Erikas Eltern und Pauline (Artur war nicht dabei) nach Smolensk, in Moskau trafen Adina und ich mit ihnen zusammen. Helmut kam ein Tag später. Ida und Artur hatten viel vorbereitet, Pauline mit ihrer Nachbarin hatten wieder alles selbst gekocht, viel und schön zubereitet. Es war eine schöne Hochzeit. Wir fuhren nach Hause und Pauline, Artur und Inna und das junge Paar machten eine Hochzeitsreise nach Kuban auf Artur seinen PKW. Dann bekamen wir zum 8. August wieder eine Hochzeitseinladung von Ida und Erich Wildemann, nach Riga zu kommen in „Limbashi“, wo die Eltern wohnten. Wir übergaben unsere Arbeiten der Sanitäterin, Helmut fuhr nicht. Adina und ich fuhren, trafen mit Erika und Alik in Moskau zusammen und fuhren mit ihnen schön gemütlich bis Limbashi, da kam uns Ida schon froh und glücklich entgegen, gingen zu Fuß bis zum Elternhaus, 20 Minuten.

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Pauline, Artur und Inna waren schon dort. Wir aßen Mittag und Artur fuhr uns auf dem Auto durch den Wald, bis an der nicht weit vom Meer sehr schöne Gegend, auch ein Ausruheort. Da wurde die Hochzeit gefeiert in einem Haus mit einem großen Saal. Alles war schön geschmuckt, eine Lettische Frau hatte alle Speisen für zwei Tage für 40 Personen sehr gut und schmackhaft zubereitet. Es war sehr schönes Wetter und schöne Hochzeit. Aber die Hauptsache fehlte – keine Trauung, kein Gottes Wort. Doch unsere Gebete stiegen doch auf zum Tron Gottes, baten für das junge Paar um des Herren Segen und Beistand im Eheleben! Damit sie doch glücklich werden! Eben so auch für Erika und Alik! Möchten sie doch alle vier mit dem Herrn Hand in Hand wandern, dass ist mein herzliches Gebet und Flehen für sie zum lieben Heiland, der doch sein treues Blut am Kreuze für uns alle dahin gegeben hat! Es waren zwei schöne Brautpaare! Ida hatte ihr hübsches weißes Kleid und Schleier von Erich seine Großeltern geschickt bekamen, das Myrtenkränzchen hatte sie sich selbst gemacht – sehr schön! So feierten wir da zwei Tage die Hochzeit, gingen an das Meer spazieren, wurden fotografiert, gespielt, gesungen und getanzt. Den 10. August war mein Geburtstag – 82. Jahre gratulierten mich noch alle Gäste und wünschten gute Gesundheit! Ida und Erich machten noch eine Hochzeitsreise nach Leningrad. Wir räumten den anderen Tag noch alles auf und fuhren wieder nach Hause. Es ging alles sehr gut, eine glückliche Fahrt, kamen gesund nach Hause, Gott sei Lob und Dank! 1982 kam unser Sascha im Juni aus dem Dienst nach Hause und zum 6. September schickten sie uns die Einladung zu Sascha und Irinas Hochzeit (Irina ist ein russisches gläubiges Mädchen) Die Hochzeit war wieder in Smolensk, in einem großen Saal in der Kantine wurde sie gefeiert, so schön war alles eingerichtet wie bei Ida. Eine Woche später fuhren sie nach Riga und sich da trauen in der Kirche und feierten noch bei Bekannten die Hochzeit. Möchte der treue Heiland sie segnen und glücklich machen, das sie ihr Eheleben mit Gebet führten und treu bleiben bis ans Ende! Mein tägliches Gebet für meine drei verheiratete Großkinder!

 

1985

 

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