In Russland

7 WIEDERVEREINIGUNG – DAHEIM 

Es ist nur sehr wenig darüber zu erfahren, wie groß das Vermögen war, das er mitbrachte. Den Berichten nach scheint es mir eben genug gewesen zu sein, sich zu verheiraten, nach Rußland auszuwandern und, einen sehr einfachen Anfang als Pionier zu machen. Aber er muß etwas Gold, so wie auch Dollars mitgebracht haben, denn unter seinen Nachkommen sind auch zwei goldene Uhrketten, die den Dycks zugefallen sind, welche in Amerika sind. Etliche Medaillons und eine Goldene Uhr von 

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dem ursprünglichen Gold, das er selbst in den Minen erworben. Auch meine Mutter hatte ein Medaillon, so wie auch ihre beiden Schwestern, hatte jede ein Andenken von Großvater. Von etlichen Quellen scheint offensichtlich, daß er einen beträchtlichen Vorrat an Gold mitbrachte als er heimkehrte Jedoch auf hoher See ereilte sie ein großer Sturm, und in ihrem kleinen Schiff liefen sie alle Gefahr, ihr Leben zu verlieren. So befahl der Kapitän, zur Erleichterung des Schiffes, den meisten Ballast über Bord zu werfen. Es wird behauptet, daß auch viel von seinem Gold ins Meer geworfen wurde, doch genau und wieviel weiß niemand. 

Er erreichte Preußen im Herbst 1858. Zehn Jahre war er fort gewesen, und die ganze Zeit hatte seine Helene auf ihn gewartet. Hätten sie gewußt, daß sie so lange Zeit getrennt sein würden, schreibt er in seinem Tagebuch, hätten sie sich vielleicht nicht durch Versprechen gebunden. Aber sie hatten sich die Treue versprochen, und sie hielten dieselbe, ungeachtet aller Schwierigkeiten. Solche Trennung muß erfahren sein, um es zu verstehen. Kurz nach seiner Heimkehr hatten sie Hochzeit. Darüber schreibt er folgendes: 

„Wir hatten einander die Treue versprochen, aber zu der Zeit ahnten wir nicht, wieviel Gram und Herzeleid und wieviel Tränen unser warteten, bis wir nach zehn langen Jahren wieder vereinigt sein würden. Und welch eine Vereinigung! Mein Gott! Ich erinnere mich an unseren Hochzeitstag, als wenn es gestern wäre (dreißig Jahre später, 1888 geschrieben). Nach der Trauung vom Ältesten G. Penner hatten wir die Hochzeitsfestlichkeit. Es war während dem Mahl am Kaffeetisch, daß der evangelische Pastor Koseptivs in solch herzbewegenden, rührenden Weise über unsere Erlebnisse sprach, und wie Gott unser Leben gelenkt, daß viele zu Tränen gerührt wurden. Und jetzt waren wir vereinigt!“

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8 AUSWANDERUNG NACH RUSSLAND 

Während Großvaters Abwesenheit hatte der zunehmende militärische Zwang von Seiten der preußischen Regierung vielen mennonitischen Vordermännern große Sorge gemacht. Schon in 1789 waren die mehr konservativen Elemente der Mennonitenkirchen nach Südrußland ausgewandert; hatten 1803 die Chortitza-Ansiedlung gegründet und weitere Auswanderer die Molotschna. Nach seiner Heimkehr hörte er, daß während seiner Abwesenheit in Amerika, eine bedeutende Gruppe Deutsche nach Zentralrußland ausgewandert war, in die Wolga-Gegend und die Ansiedlung „Trakt“ gegründet hatte, 1854. 

• 6. Anmerkung: Die Ansiedlung erhielt ihren Namen vom 

‚Traktweg‘, der durch einen Teil Rußlands ging. Er fing beim salzigen Elton-See an, von wo aus das Salz gebracht und nach allen Teilen Rußlands geschickt [wurde]. Er führte nach Saratov an der Westseite (Bergseite) der Wolga und nach Pokrowsk an der Wiesenseite. Der Weg war 60 Faden breit, so daß Vieh, das zum Markt getrieben wurde, da oben grasen konnte. Die Ansiedlung „Am Trakt“ bestand aus 10 Dörfern (Medemtal, Ostenfeld, Orlof, Lysanderhöh, Hohendorf, Fresenheim, Köppental, Lindenau, Walujewka und Hansau) 197 Wirtschaften und 1176 Seelen im Jahr 1897. Großvater kam aber an 1859 hin und half besonders beim Aufbau des dritten Dorfes Fresenheim, wo er später auch seine eigene Wirtschaft aufbaute. 

Beider Verwandte waren 1854 auch nach dem Trakt ausgewandert und schickten günstige Berichte über die ersten vier Jahre ihres Pionier-Lebens. In seinen Erinnerungen sagt Großvater, daß er viel lieber nach Amerika zurückgegangen wäre. Aber wie sie beide mit ihren Verwandten zusammen sein wollten und besonders, weil die junge Frau mehr als genug von den Indianern hatte – nur aus seinen Erzählungen, gab er nach; noch vor der Hochzeit hatten sie Rußland als Ziel gewählt. 

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Sie blieben den Winter über in Preußen, trafen alle nötigen Vorbereitungen und zogen im Spätfrühling los nach der Wolga, alle ihre Sachen bei sich auf dem Wagen. Den größten Teil des Weges reisten sie allein und erreichten ihr Ziel auf Helenes Geburtstag, am 19. August 1859 – ohne Unfall und ohne Indianerangriffe. 

Sie blieben bei ihren Verwandten in Köppental, das zweite gegründete Dorf. Während dem Sommer und den darauf folgenden Winter blieben sie in Köppental, machten von da Vorkehrungen für ihren Umzug nach Fresenheim, der im Frühling 1860 erfolgte. Eine seiner ersten Anlagen war eine windbetriebene Getreidemühle. Über die Anfangszeit schreibt er: Da es sehr schwierig war, zuverlässige Hilfe für die Mühle zu finden, tat ich meistens das Mahlen selber, außerhalb der anderen nötigen Arbeit in der Wirtschaft und auf dem Felde. Es war ein schwerer Anfang. Wir lebten, sparten, arbeiteten schwer und strebten, vorwärts zu kommen. Außer unserer Feuerstelle konnten wir noch 45 Morgen Land pachten, (1 Desjatin = 2 Morgen = 5000 m2) welches eine große Hilfe war. Ich glaube in aller Bescheidenheit sagen zu können, daß wir mehr Getreide zogen, als irgend jemand im Dorfe.

Eine der Schwierigkeiten, an die sie sich gewöhnen mußten, war die Trockenheit. Das Land war eben, ohne Hügel oder Sümpfe und das Klima kontinental, mit warmen Sommern und kalten Wintern. Auch wohnten sie in weiter Entfernung von den Wolga-Märkten. Es setzten wirtschaftliche Perioden sie zurück. Wenn auch einzelne Bauern bedeutende Fortschritte im Wirtschaften machten, war für die Gesamt-Ansiedlung in den ersten Jahrzehnten durchaus keine Garantie auf Bestand. Nur erst in den 1880er Jahren setzte wirtschaftlicher Fortschritt wirklich ein. 

Als Großvater im Winter 1861 von einer Reise heimkehrte, informierten ihn etliche Männer, daß in seiner Abwesenheit er zum Oberschulzen für die ganze Ansiedlung gewählt war. Und 

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als er zu Hause ankam, erwartete ihn noch eine Überraschung: ihnen war eine kleine Tochter geboren.

9 PIONIERLEBEN IN DER STEPPE 

Mit dem neuen Amt als Siedlungsleiter und Verwalter kamen viele Probleme, viel Verantwortung. Großvater war verantwortlich für Ordnung auf der Ansiedlung, dafür, einen Markt für die Erzeugnisse zu finden, für jeglichen nötigen Kontakt mit der Regierung, für das richtige Verhältnis zur Kirche, welches bedeutete, daß er als Friedensstifter in Streitigkeiten zu dienen hatte. Als Vollzieher von Strafen hatte er dafür zu sorgen, daß jedem Gerechtigkeit widerfuhr. Es war ein Amt, in dem er sich aufopferte, oft ohne jegliche Anerkennung; ja öfter war Kritisieren sein Lohn, wie es ja eben mit solchen Amtern der Fall sein kann. In den ersten Pionierjahren war es besonders wichtig, daß gute Leitung der Siedlung vorstand. Aus der Tatsache, daß Großvater 18 Jahre (1866 – 1884) dieses Amt verwaltete und aus manchen schriftlichen und mündlichen Bemerkungen ist zu sehen, daß er bald recht beliebt wurde und sich die Achtung der Mennoniten sowohl als der Russen erwarb (zuerst mußte er sich ja auch die russische Sprache erlernen). Daß auch die russische Regierung seine Dienste schätzte, ist zu ersehen daran, daß er dreimal Auszeichnungen erhielt, zweimal mit Medaillen mit den Inschriften: „Für treue Dienste“ und „Für Dienste dem Kaiser und Vaterland“. Vierunddreißig Jahre, bis zu seinem Tode, war er auch Brandältester. Als solcher machte er gelegentliche Reisen nach Südrußland und gewann da viele Freunde. Menschen, die ihn kannten, beschrieben ihn gewöhnlich als einen Mann von wenig Worten, sehr ernst, beinah, als hätte er vergessen wie ses geht) zu lachen. Mit einer immer offenen, vorurteilsfreien Einstellung, wann immer er gebraucht wurde, ein Problem zu lösen. Über sein Verhältnis zu den Menschen schreibt mein Cousin (Johannes Dyck, welcher an 1927 fuhr) folgendes: Daß er, Johannes D. zu wiederholten Malen Reisen

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nach Süd-Rußland machte. Einstens traf er den Vorsitzenden aller Mennonitischen Forsteien (natürlich schon ein alter Mann). Er sprach zu ihm von unserm Großvater mit Hochachtung. So habe er J.D. von Zeit zu Zeit sogar schon in Amerika unerwartet Menschen getroffen, die Großvater kannten; und manche Liebe und Freundlichkeit habe er hinnehmen dürfen, dank seines Andenkens. 

Um einen besseren Einblick zu geben, in die täglichen Probleme, die Lebensverhältnisse in Rußland damals und ihn persönlich kennenzulernen, schreibe ich aus seinem Tagebuch in Rußland. Es sind noch zwei Bände davon vorhanden, haben uns davon etwas zukommen lassen, schreibe etwas davon hier nieder, werde es aber kürzer fassen.

10 DIE KINDER VON UNSEREN GROSSELTERN 

Am 6. April 1860 wurde Johannes geboren (der Vater von meinem Cousin Johannes D.). Marie in 1861, starb nach 9 Monaten. In 1862 wurde Dietrich tot geboren. Am 22. Juli 1864 wurde die zweite Marie geboren (meine Mutter). Am 22. Dezember 1865 wurde Helene geboren (Tante Fr. Wall), dann noch die dritte Tochter Käte.

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